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	<title>Projekte - Chawwerusch Theater</title>
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	<description>Theater Chawwerusch</description>
	<lastBuildDate>Tue, 31 Mar 2026 10:13:17 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Das Nachtcafé</title>
		<link>https://www.chawwerusch.de/die-nachtcafe-geschichte-hat-begonnen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Silke Bender]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Oct 2024 07:21:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
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					<description><![CDATA[Wir pflegen seit vielen Jahren eine regelmäßige offene Bühne: unser “Nachtcafé”. Künstler*innen aller Sparten sind eingeladen im Herxheimer Theatersaal für 15 Minuten aufzutreten. Wir bitten lediglich um eine kurze Voranmeldung unter nachtcafe@chawwerusch.de. Seit Danilo Fioriti 2024 die Moderation des Nachtcafés übernommen hat, gibt es als weiteres Highlight die Nachtcafé-Geschichte, die &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wir pflegen seit vielen Jahren eine regelmäßige offene Bühne: unser “Nachtcafé”. Künstler*innen aller Sparten sind eingeladen im Herxheimer Theatersaal für 15 Minuten aufzutreten. Wir bitten lediglich um eine kurze Voranmeldung unter nachtcafe@chawwerusch.de. Seit Danilo Fioriti 2024 die Moderation des Nachtcafés übernommen hat, gibt es als weiteres Highlight die Nachtcafé-Geschichte, die in Fortsetzungen unter Mithilfe des Publikums von Danilo geschrieben wird.</p>
<h2>Hier ist die gerade zu Ende gegangene Nachtcafé-Geschichte:<br>
<strong>Wenn der Drache erwacht</strong></h2>
<p>Kapitel 1 – Das Schwimmbad bei Nacht</p>
<p>Wenn ich ausatmete, legte sich eine dünne Schliere über meinen Blick auf den klaren Nachthimmel. Wenn man eine Weile dalag und in den Himmel starrte, dann zeigten sich mehr und mehr Sterne, als würden sie sich langsam aus ihrem Versteck wagen, weil man sich durch seine Geduld würdig erwiesen hat.</p>
<p>Nicht, dass das genug war.&nbsp; Geduld würde nicht ausreichen, da war immer noch das Licht der Straßenlaternen, das Licht des Einrichtungshauses, und dennoch hier, am Rand von Herxheim, war das giftige Licht schon weniger.</p>
<p>Es fuhren fast keine Autos – niemand war unterwegs – jeder war irgendwo. Hier war es so still, dass man aus dem Ortskern Musik hörte, nicht von einem einzigen Konzert oder so, nein, aus ganz vielen Haushalten gleichzeitig – überall wurde gefeiert.</p>
<p>Es war klirrend kalt und die Kälte zog durch meinen Anorak. Ich musste mich aufsetzen. Ich kramte nach meinem Handy: 23.45 Uhr und immer noch das Hintergrundbild – das Bild von letztem Sommer. Ich blinzelte es weg und schob das Handy schnell wieder in meine Tasche: Nach heute Abend würde ich das Bild löschen. Ja, ich würde es durchziehen.</p>
<p>23:45 Uhr – langsam wird’s knapp. Warum konnte er nicht ein einziges Mal pünktlich sein? Ich sah hinüber, hinter dem Dickicht, fast unsichtbar in der Dunkelheit, da war der Maschendrahtzaun. Ich griff nach dem Bolzenschneider in meiner Tasche – sollte ich einfach schon anfangen?</p>
<p>Von der Straße vorne bog ein Auto in meine Richtung ein – ich wusste sofort, dass er es war, weil die Scheinwerfer aus waren. Ich ahnte sofort, dass irgendetwas in seinem verdrehten Hirn ihn dazu gebracht hat, zu denken: Ich habe etwas Illegales vor, auf dem Weg dahin sollte ich nicht auffallen, also fahr ich lieber ohne Licht. Als würde ihn das irgendwie auf magische Weise unsichtbar machen. Ich atmete schwer aus und eine dichte Wolke sichtbaren Atems versperrte mir den Blick auf seine Karre, die sich schmerzhaft langsam über die Hatzenbühler Straße näherte und endlich zum Stehen kam.<a href="https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/IMG_3693.jpeg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignright wp-image-21165" src="https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/IMG_3693-768x1024.jpeg" alt width="445" height="593"></a></p>
<p>Ich wusste, dass er sich einen coolen Auftritt erhoffte hatte, denn er trug schon seine Maske. Er war auf die Idee mit den Masken gekommen, ich hatte vorher gesagt, dass wir einfach Skimasken tragen würden, wie es jeder macht, aber er wollte unbedingt etwas Theatraleres. Er hatte einfach bei zu vielen Stationentheatern mitgemacht. Er saß also in seinem Auto; schwarzer Kapuzenpulli, Jacke und die größte Einhornlatexmaske, die man sich nur vorstellen konnte. Er öffnete langsam die Tür. Und flüsterte:</p>
<p>„Du musst deine Maske auch aufsetzen.“<br>
„Warum jetzt schon?“<br>
„Weil ich dich doch sonst erkenne.“<br>
„Alter, wir kennen uns seit 25 Jahren.“<br>
„Ja aber… Och Mann!“</p>
<p>„Die Kameras sind doch erst da drin.“<br>
Ich konnte sein Gesicht nicht sehen hinter der leblosen Latexmaske, aber ich fühlte seinen enttäuschten Blick. Also griff ich in meine Tasche und zog meine Maske heraus. Das Einhorn nickte aufgeregt, als ich sie aufsetzte. Dann verging das Nicken und der Einhornkopf legte sich nachdenklich schief.</p>
<p>„Bist du ein Frosch?“<br>
„Was? Nein- warum sollte ich- das sind doch Schuppen!“<br>
„Haben Frösche keine Schuppen?“<br>
„Ich glaube nicht.“<br>
„Wieder was gelernt.“<br>
„Also, können wir jetzt losgehen?“<br>
„Ja was bist du denn jetzt? Ne Eidechse? Ne Kröte? Ein Salamander?“<br>
„Mann, ich bin ein Drache.“<br>
„Oh! Ich hab dich nie als einen Drache gesehen.“<br>
„Hä?“<br>
„Naja, Drachen haben sowas Mächtiges, Dominantes und du…“<br>
„Ich…, ich finde du bist auch kein Einhorn!“<br>
„Echt? Ich finde schon – ich bin elegant, ein bisschen mystisch – und du kennst ja meinen großen-“<br>
„Ja, ich habs verstanden. Können wir jetzt loslegen? Es ist gleich zwölf.“<br>
„Ja — let‘s go!“</p>
<p>Er warf sich seine Tasche über den Rücken, holte eine Spitzhacke aus seinem Kofferraum, ging geduckt auf mich zu und folgte mir in das Dickicht am Straßenrand. Wir hatten uns beide nicht richtig überlegt, wie schwer es sein würde, mit den Masken im Dunkeln durch das Dickicht bis zum Zaun zu kommen.</p>
<p>„Alter ich seh nichts – sind wir richtig?“<br>
„Ich glaub schon. Lass uns kurz die Maske ab-„<br>
„Nein, die Masken bleiben auf!“<br>
„Mann, warum machst du alles immer so kompliziert.“<br>
„Hättest dir ja einen deiner anderen Freunde für die Aktion mitnehmen können. Aber es wollte keiner, oder?“</p>
<p>Das stimmt, als ich den anderen von meinem Plan erzählt hatte, hat die eine Hälfte darüber gelacht und die andere hatte gesagt, dass sie nichts davon wissen wollte. Nur ER hatte begeistert gesagt: „Scheiße, ja. Ich bin dabei.“ Also war ich jetzt wohl an ihn gebunden. Endlich sagte er: „Hier! Hier ist der Zaun.“</p>
<p>Ich ertastete den Zaun und begann schnell mit dem Bolzenschneider ein Loch hineinzuschneiden, dann schlüpften wir hindurch und kamen auf der anderen Seite auf den Liegeflächen des Schwimmbades an.</p>
<p>Hier war es ganz ruhig; der Wald dämpfte die Geräusche aus dem Ortskern. Die Wiese schimmerte im Sternenlicht von gefrorenem Tau und wie ein gestrandeter Wal in der Dunkelheit lagen die Becken mit den Rutschen da.</p>
<p>Ich sah ein weiteres Mal auf mein Handy – 23:52 – Es wird knapp!</p>
<p>„Wir müssen uns beeilen. Zum Schwimmerbecken!“ Schnell gingen wir über die Wiese zum großen Schwimmerbecken. Es war leer, nur eine letzte gefrorene Pfütze in der Mitte und gefallene Blätter, die sich in den Ecken des Beckens zu Haufen zusammengefunden hatten. Ich wollte gerade die Leiter hinunterklettern, als er nach mir griff:</p>
<p>„Bist du dir ganz sicher?“ flüsterte er und die toten Einhornaugen schauten auf mich herab.<br>
„Ja.“<br>
„Und es ist wirklich hier?“<br>
„Ich bin mir sicher.“ — Das Einhorn schien einen Moment nachzudenken, dann nickte es entschlossen und folgte mir in das Becken.</p>
<p>„Lass es uns in der Mitte machen!“</p>
<p>Er ging, legte seine Tasche auf die Seite, nahm die Spitzhacke und ließ sie mit aller Kraft auf den Betonboden des Schwimmbades niedersausen. Ich war erschrocken, das war lauter als gedacht.</p>
<p>23:54<br>
Er war schnell und kräftiger, als ich gedacht hatte – sein schleichender Wahnsinn half ihm wohl in diesem Moment; der Betonboden brach und schnell flogen erste Brocken nach links und nach rechts. Ein Spalt entstand – bald schon konnten ganze Stücke aus dem Boden brechen.</p>
<p>23:56<br>
„Wir müssen anfangen, sonst schaffen wir es nicht.“, ich holte meine Tasche hervor und das Paket, dass ich in den letzten Wochen zusammengebaut hatte. In der Bibliothek hatte ich sitzen müssen dafür, weil ich mich nicht getraut hatte, zu googeln, wie es gehen könnte.</p>
<p>23:58<br>
Ich schaltete das kleine Display an und eine 57 erschien darauf – eine Sekunde später gefolgt von einer 58. Ich drückte das Paket tief in den Spalt.</p>
<p>„Los- Los“ Wir rannten beide zum Beckenrand und dann die Leiter hinauf und hinter einer kleinen Mauer in Deckung.</p>
<p>Ich holte noch einmal mein Handy hervor. Ich sah das Hintergrundbild und erinnerte mich an letzten Sommer.</p>
<p>„Das ist nur noch Erinnerung.“, sagt das Einhorn, „Lass es hinter dir.“<br>
„Ja mach ich.“<br>
„Guten Rutsch.“, flüsterte das Einhorn und hielt sich die Ohren zu.<br>
„Guten Rutsch.“, flüsterte ich und machte das Gleiche.</p>
<p>0 Uhr. Die Raketen begannen, über Herxheim aufzusteigen, so laut und aus jeder Richtung – als die Sekundenanzeiger des Paketes ebenfalls auf null fiel – und der Boden des Schwimmbades explodierte.<br>
„Frohes neues Jahr!“</p>
<p>&nbsp;</p>
<div>
<p>Kapitel 2</p>
<p>„Warte noch“, flüsterte er hinter der Einhornmaske. Wir lagen im kalten Gras. Die Wolke der Explosion lag noch wie ein Schleier vor den Sternen, sanft erleuchtet vom bunten Licht hunderter Feuerwerksfontänen.</p>
<p>„Ich glaub, es hat geklappt. Du hattest Recht, niemand hat die Explosion gehört“, flüsterte ich.<br>
„Hab’s dir doch gesagt. Hab’s dir immer gesagt“, ich hörte sein Grinsen. Als ich ihm von meinem Plan erzählt hatte, da hatte er sofort gesagt: „Ich sag dir, wie es ablaufen muss – wir werden sprengen müssen, das macht Krach, und wann ist die perfekte Zeit, um Krach zu machen? Richtig, wenn jeder Krach macht!“ Ich wusste bis heute nicht, ob es klug war, jemanden mitzunehmen, der scheinbar jede Art von Sprengung mindestens einmal in seinem Kopf durchgespielt hatte. Aber hier war ich mit ihm.</p>
<p>„Sollen wir’s uns anschauen?“ Das Einhorn nickte und wir sahen hinüber zum Becken. Mitten im aufgerissenen Metallboden klaffte ein schwarzes Loch. Leise rieselten Steine vom Rand in das Innere und ich hörte, wie sie irgendwo in der Dunkelheit in die Tiefe fielen.</p>
<p>„Scheiße, man. Du hattest wirklich recht. Ehrlich gesagt hab ich gedacht, du bist ’n bisschen ballaballa.“<br>
„Sei vorsichtig!“ Die Betonplatte des Schwimmbades knirschte leise, als wir uns dem Loch näherten.<br>
„Die haben das wirklich unter dem Schwimmbad versteckt?“<br>
„Ja. Was glaubst du, warum in den 60ern überall Schwimmbäder gebaut wurden?“<br>
„Du meinst, weil sie das alles vor den Sowjets verstecken mussten? Laber nicht – und warum sollst gerade du das wissen?“</p>
<p>Ich sah kurz das Einhorn an. Konnte er die Wahrheit ertragen? Ich zog mein Handy aus meiner Tasche. Ich musste in der Dunkelheit blinzeln, als das Hintergrundbild aufleuchtete. Und da war ich. Stolz stand ich in der Mitte, dämlich grinsend, ein Schild hochhaltend:&nbsp;<strong>1 Milliarde aus dem Zusatzvermögen für unsere Infrastruktur – für unsere Schwimmbäder. </strong>Und neben mir, dämlich grinsend, die Halbglatze. Ich hab‘ damals gedacht: Boah, ist der groß.</p>
<p>„Alter, ist das unser Bundespräsident?“<br>
„Was? Nein, nein – das ist der Kanzler.“<br>
„Oh krass – der Merkel.“<br>
„Was? Nein.“<br>
„Ah, das – der Neue, gell?“<br>
„Ja.“<br>
„Der Schulz.“<br>
„Du meinst Scholz, und nein – hast du im letzten Jahr irgendwann mal fern gesehen?“<br>
„Und Alter, das – das bist du, oder? Was hast’n da für Klamotten an?“ Ich klickte schnell das Hintergrundbild weg. Es war mir so peinlich – mein altes Ich. Mein Hosenanzug-Ich. 20 Jahre Hosenanzüge – 20 Jahre, in denen ich die Termine von irgendwelchen Typen in der Partei organisiert hatte, 20 Jahre, in denen mir Kerle mit schlechteren Abschlüssen als ich Fragen gestellt haben: „Sag mal – du als Fräulein Schmitt – magst du nicht ein Paper machen zu Kindergartenplätzen, du hast da irgendwie mehr Verbindung als ich.“ Oder: „Das Fräulein Schmitt ist wirklich taff für eine – also nein, doch wirklich taff.“ Und das alles, um irgendwann endlich auf einem echten Posten zu sein.<br>
„Das war in einem anderen Leben, lass uns anfangen.“</p>
<p>Das Einhorn trat an den Rand des Loches, weitere Steine lösten sich und fielen in die Tiefe. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe nach unten. Einige Meter sah man einen Schacht, dann verlor sich auch das Licht in den Schatten.<br>
„Scheiße, wie tief ist das?“<br>
„Ich hab keine Ahnung.“<br>
„Wie konnten sie das geheim halten?“<br>
„<a href="https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe_Drache_Kap2_Bild_hochkant.jpg"><img decoding="async" class=" wp-image-21488 alignleft" src="https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe_Drache_Kap2_Bild_hochkant-200x300.jpg" alt width="292" height="439"></a>Was denkst du, warum hier ein Museum ist? Jedes Mal, wenn irgendjemand durch Zufall einen Hinweis auf den Schacht findet, kommen die und sagen, dass es irgendwas aus der Steinzeit ist. Und dann kommen sie mit ihrer Venus und lenken alle ab.“<br>
„Laber nicht. Das würde doch jemandem auffallen, die Leute stellen dann doch Fragen.“<br>
„Ja, und jedes Mal, wenn die Leute anfangen, Fragen zu stellen, dann kommt das Chawwerusch und macht ein Stationentheater und schwupp probt das halbe Dorf und dann sind die Vorstellungen und schon vergisst jeder seine Fragen. So geht das seit 40 Jahren.“ Der Boden knirschte weiter.<br>
„Das glaub ich nicht, man.“<br>
„Was – hast du dir noch nie die Frage gestellt, warum ein winziges Dorf in der Pfalz sowohl ein Museum als auch ein Theater hat?“<br>
„Stimmt, das ergibt gar keinen Sinn.“<br>
„Die Antwort ist Ablenkung. Ablenkung von der Wahrheit.“ Wir standen einen Moment da, dann wurde ich ungeduldig. „Also gehen wir los?“<br>
„Ich – ähm – ich weiß nicht, ob ich das pack. Man, ich hab Schiss. Das ist vielleicht ein bisschen zu groß für mich.“ Damit drehte er sich mit gesenktem Einhornkopf ab und schlurfte in Richtung des Beckens – dann blieb er plötzlich stehen. „Duck dich.“<br>
Er zog mich mit an die Wand des Schwimmbeckens. Ich fühlte ein Knacken unter unseren Füßen, während wir dorthin sprangen. Gefolgt von einem tiefen Knarzen. Langsam drückte ich meinen Drachenkopf über den Rand und sah die Lichtkegel mehrerer Taschenlampen am Schwimmbadeingang.<br>
„Scheiße, sie haben uns doch gehört. Ist das die Polizei?“<br>
„Nein, schlimmer. Das sind Bademeister.“<br>
„Aber das ist doch nicht schlimmer als die Polizei.“<br>
„Sei nicht so naiv. Jeder von denen ist speziell ausgebildet – die Bademeister sind doch dafür da, die Anlagen zu schützen.“<br>
„Das kann nicht stimmen, Schmitt, du machst mir Angst.“</p>
<p>In diesem Moment rauschte der Boden des Schwimmbads nach unten. Wir beide hielten uns am Rand fest, der Metallboden verbog sich in die Tiefe in Richtung des Schachtes und glänzte dabei im Sternenlicht.<br>
„Es gibt kein Zurück mehr jetzt – es tut mir leid. Aber wir wissen zu viel.“<br>
„Aber ich weiß doch gar nichts.“<br>
„Das ist denen egal. Hör mal, ich wollte nicht, dass es so läuft, aber es gibt jetzt nur noch eine Richtung für uns – nach unten.“<br>
„Alter, was?“<br>
„Lass los!“</p>
<p>In diesem Moment griff er nach mir und ich nach ihm. Ich sah noch seinen riesigen Einhornkopf, bevor er sich an mich drückte und ich mich an ihn und wir beide in die Tiefe rutschten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kapitel 3 – Barbarossa</p>
<p>Freier Fall – ich versuche noch, nach der Kante des Schwimmbadbodens zu greifen, aber keine Chance – das ist also mein E… Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da wird mein Arm nach oben gerissen. Ich begreife noch nicht, was gerade los ist, als ein Schmerz wie ein Schrei durch meinen Körper feuert, während mein ganzes Gewicht plötzlich gestoppt wird – ich unterdrücke meinen Schrei. Ich höre die Bademeister zum Rand des Loches kommen, ich sehe die Lichtkegel ihrer Taschenlampen über mir. Ich fühle jetzt seinen harten Griff an meinem Handgelenk und sehe ihn, wie er über mir im Nachthimmel hängt. Mit einem Arm hält er sich am Schwimmbadboden, mit dem anderen hält er mich.<a href="https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe-Bild-Maerz.jpg"><img decoding="async" class=" wp-image-21520 alignright" src="https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe-Bild-Maerz-300x199.jpg" alt width="436" height="289" srcset="https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe-Bild-Maerz-300x199.jpg 300w, https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe-Bild-Maerz-768x509.jpg 768w, https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe-Bild-Maerz-700x464.jpg 700w, https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe-Bild-Maerz-332x220.jpg 332w, https://www.chawwerusch.de/wp-content/uploads/Nachtcafe-Bild-Maerz.jpg 800w" sizes="(max-width: 436px) 100vw, 436px"></a></p>
<p>„Die sind weg“, mault eine Stimme von oben.<br>
„Nein, darauf würde ich mich nicht verlassen“, mault eine andere. „Ich hole ein Seil. Wir gehen hinterher.“<br>
„Bist du verrückt? Das mache ich nicht. Du weißt, was da unten ist.“<br>
„Ja, aber unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es da unten bleibt. Jetzt los.“<br>
Ihre Taschenlampen verschwinden, und ich höre ihre Schritte, die sich über den gefrorenen Boden entfernen.</p>
<p>„Ich glaube, sie sind weg“, flüstere ich und greife seinen Unterarm fester. Ich spüre, dass sein Arm zittert.<br>
„Ich hoffe es – ich halte es nicht mehr lange aus…“, ich höre die Anspannung in seiner Stimme hinter der Latexmaske. „Ich fühle mich wie ein gut aufgegangener Dampfnudelteig, an dem man reißt, um ihn in kleine Portionen zu bekommen.“<br>
„Ja, warte!“ Das Sternenlicht fällt kraftlos in die Weite des Raumes um mich herum, ich sehe keinen Boden unter mir, aber langsam gewöhnen sich meine Augen, und ich erkenne eine grobe Steinwand an meiner Seite. Monolithen über Monolithen, mit tiefen Fugen dazwischen.<br>
„Warte, ich glaube…“ Ich strecke meine Hand aus und greife fest in eine der Fugen. „Hier, hier ist eine Wand – ich bin dran!“<br>
„Und was machen wir jetzt?“<br>
„Du lässt los, und ich halte dich!“<br>
„Bist du verrückt? Ich bin viel schwerer als du, du kannst mich niemals halten. Wir werden beide in die Tiefe stürzen!“<br>
„Wir schaffen das. Wir haben so vieles geschafft, das schaffen wir auch. Vertrau mir!“<br>
Der Einhornkopf schaut mich an, dann nickt er plötzlich.<br>
„Bereit?“<br>
„Bereit.!</p>
<p>Und im gleichen Moment spüre ich, wie er loslässt. Seine Hand fest um mein Gelenk, meine Hand auch fest – für einen Moment fallen wir beide, dann spüre ich wieder den Schmerz, diesmal in meinem anderen Arm – er kracht gegen die Steinwand unter mir und verliert fast den Halt, dann lässt er meinen Arm los, auch er hat einen Griff gefunden. Wir hängen beide an der dunklen Wand.<br>
„Danke dir“, flüstert er.<br>
„Danke dir“, flüstere ich zurück.<br>
„Dann geht’s jetzt nach unten, oder?“<br>
Ich nicke, und wortlos beginnen wir, nach unten zu klettern. Das Loch über uns, durch das schwach das Sternenlicht zu uns fällt, wird kleiner. Wir tasten uns voran, unsere Füße suchen Halt in der Dunkelheit, dann wieder unsere Hände – Zentimeter für Zentimeter klettern wir in die Tiefe.<br>
„Warte mal – scheiße, ich glaube..“<br>
„Was?“<br>
„Ich glaube, hier ist der Boden.“ Ich sehe ihn nicht mehr, sogar das Weiß seiner Einhornmaske ist verschluckt von der Nacht um uns herum. „Hier, hier lang!“<br>
Ich fühle seine Hand an meinem Rücken, und dann spüre ich ebenfalls Boden unter meinen Füßen. Für einen kurzen Moment stehen wir beide da, mit dem Rücken an die kalte Steinwand gelehnt, dann höre ich ihn in seinem Rucksack kramen.<br>
„Ich will ein bisschen mehr Licht riskieren – hehe – verstehst? Ich bin Gandalf … Egal.“<br>
Ich muss blinzeln, als er seine Taschenlampe anmacht, und wir beide werden still.<br>
Das war keine Wand, an der wir heruntergeklettert sind. Das war eine Säule. Eine riesige steinerne Säule. Eine von vielen. Säulenreihen in jede Richtung.</p>
<p>„Scheiße, wie groß ist das hier?“ Sein Einhornkopf schaut sich um, er sieht winzig aus vor den Säulen, die sich in der Dunkelheit verlieren. „Ich fühle mich wie eine zu kleine Dampfnudel in einer zu großen Pfanne.“<br>
Ich sehe ein fernes rotes Licht. „Ich glaube, wir müssen hier lang.“<br>
Wir machen uns wortlos auf, folgen dem vagen Licht. Langsam schält sich aus der Dunkelheit ein Baldachin aus Stein inmitten der Säulen. Und zwei winzige Fackeln links und rechts erhellen den Baldachin. Und ich sehe einen Thron aus Elfenbein. Und auf dem Thron..</p>
<p>„Was ist das für ’ne Zombiescheiße?“, flüstert er neben mir.<br>
Auf dem Thron sitzt eine Mumie. Eine Krone auf dem vertrockneten Schädel. Die vergoldeten Kleider sind staubig, und der vertrocknete Körper wirkt viel zu winzig. Nur ihr Bart wirkt noch wie lebendig – und was für ein Bart das ist: rot und dicht, fällt er auf den Boden und sammelt sich dort zu einem staubigen Haufen.<br>
„Yes, it’s him“, hören wir plötzlich eine Stimme hinter uns. Ich drehe mich um, und der Schein unserer Taschenlampe fällt auf einen Mann, der sich gerade nähert. Ein beigefarbenes Hemd, geöffnet, das Licht funkelt auf seiner Brust, die gerade genug verschwitzt ist, um verwegen zu glänzen. Darüber eine Lederjacke. Im Gürtel steckt eine Peitsche. Noch kann ich sein Gesicht nicht sehen, nur ein Kinn, ein verschmitztes Lächeln und ein attraktiver Dreitagebart. Der Rest wird von einem breitkrempigen Lederhut verdeckt.</p>
<p>„Scheiße, man – ist das..“, flüstert das Einhorn.<br>
Ich nicke.<br>
„Han Solo?“<br>
„I searched for his tomb for a long time. I thought it was in the Kyffhäuser Monument … but that was all just a diversion, wasn’t it? The swimming pools.“, sagt er, während er sich filmreif der Mumie nähert.<br>
„Er ist so cool“, flüstert das Einhorn aufgeregt.<br>
„But now I found it – the tomb of Frederick Barbarossa.“<br>
„Wie jetzt? Der ganze Aufriss wegen irgendeiner alten Leiche?“<br>
„Nein, nicht irgendeine Leiche. Ich hatte geglaubt – nicht so wichtig!“<br>
„Was denn?“<br>
„Ich hatte geglaubt, er schläft nur. So heißt es in der Sage. Aber er ist tot.“<br>
Ich fühle mich dumm. Ich habe mein ganzes Leben an ein Kindermärchen geglaubt. Der Stress von Wochen und Monaten geht durch meinen Körper, ich setze mich auf den Steinboden.<br>
„Yeah, he’s just a dead old German. Case closed.“<br>
„Es gibt hier kein tieferes Geheimnis zu entdecken. Es tut mir leid, dass ich dich in all das reingezogen habe. Hier schlummert kein mystischer Drache der Erinnerung. Es war alles nur ein Tagtraum.“<br>
Ich stehe wieder kraftlos auf, wende mich ab und schaue in die Dunkelheit zum Ausgang.<br>
„Bullshit. Ich glaube, das stimmt nicht. Weißt du, das ist wie beim Dampfnudel-Zubereiten …“<br>
„Hör jetzt endlich damit auf!“ Ich schreie, obwohl ich es nicht will. Ich fühle, wie mir Tränen in die Augen steigen. „Das ist das Ende unserer Reise! Wie um alles in der Welt soll diese vertrocknete Leiche irgendwas mit Dampfnudeln zu tun haben?“<br>
„Wow, girl, that’s not nice“, mischt sich der Huttyp ein.</p>
<p>Aber das Einhorn schüttelt nur den Kopf: „Du brauchst dich nicht so aufzuregen. Ich weiß, ich bin nicht so klug wie du. Du bist ja so belesen. Du hast ein Foto mit Merz auf deinem Handy – schön! Ich habe das alles nicht. Ich bin doch in deinen Augen nur ein Vollidiot mit einer Einhornmaske auf. Aber weißt du, wovon ich was verstehe?“<br>
Ich höre, wie seine Stimme hinter der Maske bricht. Mir steigen die Tränen in die Augen, und ich stottere: „Entschuldigung, so habe ich das nicht …“<br>
„Nein, jetzt rede ich. Kann ich eine Musik dafür bekommen? Ich verstehe halt was vom Dampfnudel-Machen. Und deswegen weiß ich…“<br>
Er zieht eine Dose Monster-Energydrink aus seinem Rucksack und öffnet sie zischend, während er weiterspricht:<br>
„… dass eine Dampfnudel nichts wird, wenn man die Hefe nicht aktiviert.“<br>
Und mit einem Schwung hebt er die Dose über die Mumie:<br>
„Und was braucht man dafür? Zucker und Wasser.“<br>
Damit gießt er den bräunlich glitzernden Inhalt auf den rothaarigen Schädel. In Rinnsalen plätschert er über den vertrockneten Kopf und den Hals hinunter, bis unter das staubige Gewand.<br>
„Your friend is either crazy or a genius.“<br>
„Oder beides“, flüstere ich und sehe, wie der Energydrink aus den Ärmeln heraus über die Arme nach unten fließt. Ich sehe, wie der rote Bart sich füllt, und der Geruch nach Gummibärchen steigt mir in die Nase. Die letzten Tropfen fallen aus der Dose auf den feuchten Schädel.<br>
„Und? Passiert etwas?“<br>
Einen Moment starren wir drei auf die Mumie – nichts geschieht, und da plötzlich:<br>
„Sie sind da hinten!“, ruft es vom Tunneleingang her. Die Kegel von einem Dutzend Taschenlampen nähern sich.<br>
„Die Bademeister – sie kommen!!“<br>
Die Bademeister nähern sich, und der erste ruft: „So, wir haben euch doch gesagt, es ist verboten, zum Beckenrand zu springen!“<br>
Und ein anderer: „Ja, es hat sich ausgeschwommen.“<br>
„Sie haben uns!“<br>
„Stay behind me.“ Der Mann mit dem Hut stellt sich in den Gang und zückt seine Peitsche.<br>
„Oh man, das ist so cool.“<br>
Ich höre die Peitsche mehr, als ich sie sehe, während sie zwischen uns und den Bademeistern durch die Luft schnalzt und sie so auf Abstand hält.<br>
„Das hält sie nicht lange auf“, flüstert das Einhorn dicht neben mir.<br>
Ich schaue nicht hin und antworte nur: „Es tut mir leid, dass ich dich da mit hineingezogen habe“, flüstere ich zurück, und endlich, ich traue mich, greife ich seine Hand – und er meine.<br>
„Du bist der beste Freund, den man sich vorstellen kann.“<br>
Ich greife seine feuchte Hand fest, und der Geruch von Gummibärchen steigt mir in die Nase.<br>
„Was – was ist mit deiner Hand los?“<br>
„Ich wollte dich gerade dasselbe fragen –“, flüstert er zurück.<br>
Ich schaue hinunter auf meine Hand – und – ich umklammere die Hand der Mumie.<br>
Sie steht neben mir, in der Mitte zwischen uns beiden.<br>
„Heilige Scheiße“, höre ich das Einhorn sagen. Und der Kopf der Mumie dreht sich in meine Richtung.<br>
„DANKE EUCH.“<br>
Dann geht der Blick seines vertrockneten Schädels zu den Angreifern.<br>
„BADEMEISTER!“ Er schüttelt den Kopf. „Wenn man Männern mit kleinem Ego Macht gibt …“<br>
Er schaut mich an.<br>
„Geht den Tunnel nach hinten. Da gibt es einen Ausgang.“<br>
„Wo führt der hin?“<br>
„Wohin wohl … zum Dampfnudelhof!“<br>
Und damit springt Barbarossa über den Mann mit dem Hut hinweg. Sein roter Bart schwingt in einem hohen Bogen hinter ihm her, er landet vor den Bademeistern, und er ruft uns zu:<br>
„Lauft!“</p>
<p>ENDE</p>
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Die erste Nachtcafé-Geschichte (2024)</strong></a><br>
<a href="https://www.chawwerusch.de/nachtcafe-geschichte-its-raining-men-2025/" target="_blank" rel="noopener"><strong>“It’s raining men” — Nachtcafé-Geschichte (2025)</strong></a></p>
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