Das Nachtcafé
Wir pflegen seit vielen Jahren eine regelmäßige offene Bühne: unser “Nachtcafé”. Künstler*innen aller Sparten sind eingeladen im Herxheimer Theatersaal für 15 Minuten aufzutreten. Wir bitten lediglich um eine kurze Voranmeldung unter nachtcafe@chawwerusch.de. Seit Danilo Fioriti 2024 die Moderation des Nachtcafés übernommen hat, gibt es als weiteres Highlight die Nachtcafé-Geschichte, die in Fortsetzungen unter Mithilfe des Publikums von Danilo geschrieben wird.
Hier ist die aktuell laufende Nachtcafé-Geschichte:
Der Drache erwacht
Kapitel 1 – Das Schwimmbad bei Nacht
Wenn ich ausatmete, legte sich eine dünne Schliere über meinen Blick auf den klaren Nachthimmel. Wenn man eine Weile dalag und in den Himmel starrte, dann zeigten sich mehr und mehr Sterne, als würden sie sich langsam aus ihrem Versteck wagen, weil man sich durch seine Geduld würdig erwiesen hat.
Nicht, dass das genug war. Geduld würde nicht ausreichen, da war immer noch das Licht der Straßenlaternen, das Licht des Einrichtungshauses, und dennoch hier, am Rand von Herxheim, war das giftige Licht schon weniger.
Es fuhren fast keine Autos – niemand war unterwegs – jeder war irgendwo. Hier war es so still, dass man aus dem Ortskern Musik hörte, nicht von einem einzigen Konzert oder so, nein, aus ganz vielen Haushalten gleichzeitig – überall wurde gefeiert.
Es war klirrend kalt und die Kälte zog durch meinen Anorak. Ich musste mich aufsetzen. Ich kramte nach meinem Handy: 23.45 Uhr und immer noch das Hintergrundbild – das Bild von letztem Sommer. Ich blinzelte es weg und schob das Handy schnell wieder in meine Tasche: Nach heute Abend würde ich das Bild löschen. Ja, ich würde es durchziehen.
23:45 Uhr – langsam wird’s knapp. Warum konnte er nicht ein einziges Mal pünktlich sein? Ich sah hinüber, hinter dem Dickicht, fast unsichtbar in der Dunkelheit, da war der Maschendrahtzaun. Ich griff nach dem Bolzenschneider in meiner Tasche – sollte ich einfach schon anfangen?
Von der Straße vorne bog ein Auto in meine Richtung ein – ich wusste sofort, dass er es war, weil die Scheinwerfer aus waren. Ich ahnte sofort, dass irgendetwas in seinem verdrehten Hirn ihn dazu gebracht hat, zu denken: Ich habe etwas Illegales vor, auf dem Weg dahin sollte ich nicht auffallen, also fahr ich lieber ohne Licht. Als würde ihn das irgendwie auf magische Weise unsichtbar machen. Ich atmete schwer aus und eine dichte Wolke sichtbaren Atems versperrte mir den Blick auf seine Karre, die sich schmerzhaft langsam über die Hatzenbühler Straße näherte und endlich zum Stehen kam.
Ich wusste, dass er sich einen coolen Auftritt erhoffte hatte, denn er trug schon seine Maske. Er war auf die Idee mit den Masken gekommen, ich hatte vorher gesagt, dass wir einfach Skimasken tragen würden, wie es jeder macht, aber er wollte unbedingt etwas Theatraleres. Er hatte einfach bei zu vielen Stationentheatern mitgemacht. Er saß also in seinem Auto; schwarzer Kapuzenpulli, Jacke und die größte Einhornlatexmaske, die man sich nur vorstellen konnte. Er öffnete langsam die Tür. Und flüsterte:
„Du musst deine Maske auch aufsetzen.“
„Warum jetzt schon?“
„Weil ich dich doch sonst erkenne.“
„Alter, wir kennen uns seit 25 Jahren.“
„Ja aber… Och Mann!“
„Die Kameras sind doch erst da drin.“
Ich konnte sein Gesicht nicht sehen hinter der leblosen Latexmaske, aber ich fühlte seinen enttäuschten Blick. Also griff ich in meine Tasche und zog meine Maske heraus. Das Einhorn nickte aufgeregt, als ich sie aufsetzte. Dann verging das Nicken und der Einhornkopf legte sich nachdenklich schief.
„Bist du ein Frosch?“
„Was? Nein- warum sollte ich- das sind doch Schuppen!“
„Haben Frösche keine Schuppen?“
„Ich glaube nicht.“
„Wieder was gelernt.“
„Also, können wir jetzt losgehen?“
„Ja was bist du denn jetzt? Ne Eidechse? Ne Kröte? Ein Salamander?“
„Mann, ich bin ein Drache.“
„Oh! Ich hab dich nie als einen Drache gesehen.“
„Hä?“
„Naja, Drachen haben sowas Mächtiges, Dominantes und du…“
„Ich…, ich finde du bist auch kein Einhorn!“
„Echt? Ich finde schon – ich bin elegant, ein bisschen mystisch – und du kennst ja meinen großen-“
„Ja, ich habs verstanden. Können wir jetzt loslegen? Es ist gleich zwölf.“
„Ja — let‘s go!“
Er warf sich seine Tasche über den Rücken, holte eine Spitzhacke aus seinem Kofferraum, ging geduckt auf mich zu und folgte mir in das Dickicht am Straßenrand. Wir hatten uns beide nicht richtig überlegt, wie schwer es sein würde, mit den Masken im Dunkeln durch das Dickicht bis zum Zaun zu kommen.
„Alter ich seh nichts – sind wir richtig?“
„Ich glaub schon. Lass uns kurz die Maske ab-„
„Nein, die Masken bleiben auf!“
„Mann, warum machst du alles immer so kompliziert.“
„Hättest dir ja einen deiner anderen Freunde für die Aktion mitnehmen können. Aber es wollte keiner, oder?“
Das stimmt, als ich den anderen von meinem Plan erzählt hatte, hat die eine Hälfte darüber gelacht und die andere hatte gesagt, dass sie nichts davon wissen wollte. Nur ER hatte begeistert gesagt: „Scheiße, ja. Ich bin dabei.“ Also war ich jetzt wohl an ihn gebunden. Endlich sagte er: „Hier! Hier ist der Zaun.“
Ich ertastete den Zaun und begann schnell mit dem Bolzenschneider ein Loch hineinzuschneiden, dann schlüpften wir hindurch und kamen auf der anderen Seite auf den Liegeflächen des Schwimmbades an.
Hier war es ganz ruhig; der Wald dämpfte die Geräusche aus dem Ortskern. Die Wiese schimmerte im Sternenlicht von gefrorenem Tau und wie ein gestrandeter Wal in der Dunkelheit lagen die Becken mit den Rutschen da.
Ich sah ein weiteres Mal auf mein Handy – 23:52 – Es wird knapp!
„Wir müssen uns beeilen. Zum Schwimmerbecken!“ Schnell gingen wir über die Wiese zum großen Schwimmerbecken. Es war leer, nur eine letzte gefrorene Pfütze in der Mitte und gefallene Blätter, die sich in den Ecken des Beckens zu Haufen zusammengefunden hatten. Ich wollte gerade die Leiter hinunterklettern, als er nach mir griff:
„Bist du dir ganz sicher?“ flüsterte er und die toten Einhornaugen schauten auf mich herab.
„Ja.“
„Und es ist wirklich hier?“
„Ich bin mir sicher.“ — Das Einhorn schien einen Moment nachzudenken, dann nickte es entschlossen und folgte mir in das Becken.
„Lass es uns in der Mitte machen!“
Er ging, legte seine Tasche auf die Seite, nahm die Spitzhacke und ließ sie mit aller Kraft auf den Betonboden des Schwimmbades niedersausen. Ich war erschrocken, das war lauter als gedacht.
23:54
Er war schnell und kräftiger, als ich gedacht hatte – sein schleichender Wahnsinn half ihm wohl in diesem Moment; der Betonboden brach und schnell flogen erste Brocken nach links und nach rechts. Ein Spalt entstand – bald schon konnten ganze Stücke aus dem Boden brechen.
23:56
„Wir müssen anfangen, sonst schaffen wir es nicht.“, ich holte meine Tasche hervor und das Paket, dass ich in den letzten Wochen zusammengebaut hatte. In der Bibliothek hatte ich sitzen müssen dafür, weil ich mich nicht getraut hatte, zu googeln, wie es gehen könnte.
23:58
Ich schaltete das kleine Display an und eine 57 erschien darauf – eine Sekunde später gefolgt von einer 58. Ich drückte das Paket tief in den Spalt.
„Los- Los“ Wir rannten beide zum Beckenrand und dann die Leiter hinauf und hinter einer kleinen Mauer in Deckung.
Ich holte noch einmal mein Handy hervor. Ich sah das Hintergrundbild und erinnerte mich an letzten Sommer.
„Das ist nur noch Erinnerung.“, sagt das Einhorn, „Lass es hinter dir.“
„Ja mach ich.“
„Guten Rutsch.“, flüsterte das Einhorn und hielt sich die Ohren zu.
„Guten Rutsch.“, flüsterte ich und machte das Gleiche.
0 Uhr. Die Raketen begannen, über Herxheim aufzusteigen, so laut und aus jeder Richtung – als die Sekundenanzeiger des Paketes ebenfalls auf null fiel – und der Boden des Schwimmbades explodierte.
„Frohes neues Jahr!“
Kapitel 2
„Warte noch“, flüsterte er hinter der Einhornmaske. Wir lagen im kalten Gras. Die Wolke der Explosion lag noch wie ein Schleier vor den Sternen, sanft erleuchtet vom bunten Licht hunderter Feuerwerksfontänen.
„Ich glaub, es hat geklappt. Du hattest Recht, niemand hat die Explosion gehört“, flüsterte ich.
„Hab’s dir doch gesagt. Hab’s dir immer gesagt“, ich hörte sein Grinsen. Als ich ihm von meinem Plan erzählt hatte, da hatte er sofort gesagt: „Ich sag dir, wie es ablaufen muss – wir werden sprengen müssen, das macht Krach, und wann ist die perfekte Zeit, um Krach zu machen? Richtig, wenn jeder Krach macht!“ Ich wusste bis heute nicht, ob es klug war, jemanden mitzunehmen, der scheinbar jede Art von Sprengung mindestens einmal in seinem Kopf durchgespielt hatte. Aber hier war ich mit ihm.
„Sollen wir’s uns anschauen?“ Das Einhorn nickte und wir sahen hinüber zum Becken. Mitten im aufgerissenen Metallboden klaffte ein schwarzes Loch. Leise rieselten Steine vom Rand in das Innere und ich hörte, wie sie irgendwo in der Dunkelheit in die Tiefe fielen.
„Scheiße, man. Du hattest wirklich recht. Ehrlich gesagt hab ich gedacht, du bist ’n bisschen ballaballa.“
„Sei vorsichtig!“ Die Betonplatte des Schwimmbades knirschte leise, als wir uns dem Loch näherten.
„Die haben das wirklich unter dem Schwimmbad versteckt?“
„Ja. Was glaubst du, warum in den 60ern überall Schwimmbäder gebaut wurden?“
„Du meinst, weil sie das alles vor den Sowjets verstecken mussten? Laber nicht – und warum sollst gerade du das wissen?“
Ich sah kurz das Einhorn an. Konnte er die Wahrheit ertragen? Ich zog mein Handy aus meiner Tasche. Ich musste in der Dunkelheit blinzeln, als das Hintergrundbild aufleuchtete. Und da war ich. Stolz stand ich in der Mitte, dämlich grinsend, ein Schild hochhaltend: 1 Milliarde aus dem Zusatzvermögen für unsere Infrastruktur – für unsere Schwimmbäder. Und neben mir, dämlich grinsend, die Halbglatze. Ich hab‘ damals gedacht: Boah, ist der groß.
„Alter, ist das unser Bundespräsident?“
„Was? Nein, nein – das ist der Kanzler.“
„Oh krass – der Merkel.“
„Was? Nein.“
„Ah, das – der Neue, gell?“
„Ja.“
„Der Schulz.“
„Du meinst Scholz, und nein – hast du im letzten Jahr irgendwann mal fern gesehen?“
„Und Alter, das – das bist du, oder? Was hast’n da für Klamotten an?“ Ich klickte schnell das Hintergrundbild weg. Es war mir so peinlich – mein altes Ich. Mein Hosenanzug-Ich. 20 Jahre Hosenanzüge – 20 Jahre, in denen ich die Termine von irgendwelchen Typen in der Partei organisiert hatte, 20 Jahre, in denen mir Kerle mit schlechteren Abschlüssen als ich Fragen gestellt haben: „Sag mal – du als Fräulein Schmitt – magst du nicht ein Paper machen zu Kindergartenplätzen, du hast da irgendwie mehr Verbindung als ich.“ Oder: „Das Fräulein Schmitt ist wirklich taff für eine – also nein, doch wirklich taff.“ Und das alles, um irgendwann endlich auf einem echten Posten zu sein.
„Das war in einem anderen Leben, lass uns anfangen.“
Das Einhorn trat an den Rand des Loches, weitere Steine lösten sich und fielen in die Tiefe. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe nach unten. Einige Meter sah man einen Schacht, dann verlor sich auch das Licht in den Schatten.
„Scheiße, wie tief ist das?“
„Ich hab keine Ahnung.“
„Wie konnten sie das geheim halten?“
„Was denkst du, warum hier ein Museum ist? Jedes Mal, wenn irgendjemand durch Zufall einen Hinweis auf den Schacht findet, kommen die und sagen, dass es irgendwas aus der Steinzeit ist. Und dann kommen sie mit ihrer Venus und lenken alle ab.“
„Laber nicht. Das würde doch jemandem auffallen, die Leute stellen dann doch Fragen.“
„Ja, und jedes Mal, wenn die Leute anfangen, Fragen zu stellen, dann kommt das Chawwerusch und macht ein Stationentheater und schwupp probt das halbe Dorf und dann sind die Vorstellungen und schon vergisst jeder seine Fragen. So geht das seit 40 Jahren.“ Der Boden knirschte weiter.
„Das glaub ich nicht, man.“
„Was – hast du dir noch nie die Frage gestellt, warum ein winziges Dorf in der Pfalz sowohl ein Museum als auch ein Theater hat?“
„Stimmt, das ergibt gar keinen Sinn.“
„Die Antwort ist Ablenkung. Ablenkung von der Wahrheit.“ Wir standen einen Moment da, dann wurde ich ungeduldig. „Also gehen wir los?“
„Ich – ähm – ich weiß nicht, ob ich das pack. Man, ich hab Schiss. Das ist vielleicht ein bisschen zu groß für mich.“ Damit drehte er sich mit gesenktem Einhornkopf ab und schlurfte in Richtung des Beckens – dann blieb er plötzlich stehen. „Duck dich.“
Er zog mich mit an die Wand des Schwimmbeckens. Ich fühlte ein Knacken unter unseren Füßen, während wir dorthin sprangen. Gefolgt von einem tiefen Knarzen. Langsam drückte ich meinen Drachenkopf über den Rand und sah die Lichtkegel mehrerer Taschenlampen am Schwimmbadeingang.
„Scheiße, sie haben uns doch gehört. Ist das die Polizei?“
„Nein, schlimmer. Das sind Bademeister.“
„Aber das ist doch nicht schlimmer als die Polizei.“
„Sei nicht so naiv. Jeder von denen ist speziell ausgebildet – die Bademeister sind doch dafür da, die Anlagen zu schützen.“
„Das kann nicht stimmen, Schmitt, du machst mir Angst.“
In diesem Moment rauschte der Boden des Schwimmbads nach unten. Wir beide hielten uns am Rand fest, der Metallboden verbog sich in die Tiefe in Richtung des Schachtes und glänzte dabei im Sternenlicht.
„Es gibt kein Zurück mehr jetzt – es tut mir leid. Aber wir wissen zu viel.“
„Aber ich weiß doch gar nichts.“
„Das ist denen egal. Hör mal, ich wollte nicht, dass es so läuft, aber es gibt jetzt nur noch eine Richtung für uns – nach unten.“
„Alter, was?“
„Lass los!“
In diesem Moment griff er nach mir und ich nach ihm. Ich sah noch seinen riesigen Einhornkopf, bevor er sich an mich drückte und ich mich an ihn und wir beide in die Tiefe rutschten.
- Ende zweiter Teil -
Publikumsfragen für den dritten Teil:
Was ist eine besondere Fähigkeit des Einhorns, was kann der Freund besonders gut?
Dampfnudeln backen – dafür stimmten 36 Personen
Karate – dafür stimmten 6 Personen
Pfälzisch – dafür stimmten 18 Personen
Die zweite Frage lautete:
Ist Barbarossa tot oder lebendig?
Zur Auswahl standen:
Tot – dafür stimmten 9 Personen
Lebendig – dafür stimmten 12 Personen
Untot – dafür stimmten 18 Personen
Die letzte Frage schließlich:
Wer kommt ihnen zu Hilfe?
Friedrich Merz – dafür stimmten 17 Personen
Indiana Jones – dafür stimmten 21 Personen
Herxi – dafür stimmten 9 Personen
Wer also hören möchte, wie unsere Protagonistin mit dem Einhorn hinabsteigt in das Grab des untoten Kaisers Barbarossa unter dem Schwimmbad in Herxheim und dabei von den Dampfnudelbackfähigkeiten ihres Einhornfreundes und Indiana Jones gerettet wird – der muss am 27.03.2026 um 21 Uhr zum Nachtcafé ins Chawwerusch kommen.
zum Nachlesen klicken:
Die erste Nachtcafé-Geschichte (2024)
“It’s raining men” — Nachtcafé-Geschichte (2025)