Das Nachtcafé

Wir pfle­gen seit vie­len Jah­ren eine regel­mä­ßi­ge offe­ne Büh­ne: unser “Nacht­ca­fé”. Künstler*innen aller Spar­ten sind ein­ge­la­den im Herx­hei­mer Thea­ter­saal für 15 Minu­ten auf­zu­tre­ten. Wir bit­ten ledig­lich um eine kur­ze Vor­anmel­dung unter nachtcafe@chawwerusch.de. Seit Dani­lo Fio­ri­ti 2024 die Mode­ra­ti­on des Nacht­ca­fés über­nom­men hat, gibt es als wei­te­res High­light die Nacht­ca­fé-Geschich­te, die in Fort­set­zun­gen unter Mit­hil­fe des Publi­kums von Dani­lo geschrie­ben wird.

Hier ist die gerade zu Ende gegangene Nachtcafé-Geschichte:
Wenn der Drache erwacht

Kapi­tel 1 – Das Schwimm­bad bei Nacht

Wenn ich aus­at­me­te, leg­te sich eine dün­ne Schlie­re über mei­nen Blick auf den kla­ren Nacht­him­mel. Wenn man eine Wei­le dalag und in den Him­mel starr­te, dann zeig­ten sich mehr und mehr Ster­ne, als wür­den sie sich lang­sam aus ihrem Ver­steck wagen, weil man sich durch sei­ne Geduld wür­dig erwie­sen hat.

Nicht, dass das genug war.  Geduld wür­de nicht aus­rei­chen, da war immer noch das Licht der Stra­ßen­la­ter­nen, das Licht des Ein­rich­tungs­hau­ses, und den­noch hier, am Rand von Herx­heim, war das gif­ti­ge Licht schon weniger.

Es fuh­ren fast kei­ne Autos – nie­mand war unter­wegs – jeder war irgend­wo. Hier war es so still, dass man aus dem Orts­kern Musik hör­te, nicht von einem ein­zi­gen Kon­zert oder so, nein, aus ganz vie­len Haus­hal­ten gleich­zei­tig – über­all wur­de gefeiert.

Es war klir­rend kalt und die Käl­te zog durch mei­nen Ano­rak. Ich muss­te mich auf­set­zen. Ich kram­te nach mei­nem Han­dy: 23.45 Uhr und immer noch das Hin­ter­grund­bild – das Bild von letz­tem Som­mer. Ich blin­zel­te es weg und schob das Han­dy schnell wie­der in mei­ne Tasche: Nach heu­te Abend wür­de ich das Bild löschen. Ja, ich wür­de es durchziehen.

23:45 Uhr – lang­sam wird’s knapp. War­um konn­te er nicht ein ein­zi­ges Mal pünkt­lich sein? Ich sah hin­über, hin­ter dem Dickicht, fast unsicht­bar in der Dun­kel­heit, da war der Maschen­draht­zaun. Ich griff nach dem Bol­zen­schnei­der in mei­ner Tasche – soll­te ich ein­fach schon anfangen?

Von der Stra­ße vor­ne bog ein Auto in mei­ne Rich­tung ein – ich wuss­te sofort, dass er es war, weil die Schein­wer­fer aus waren. Ich ahn­te sofort, dass irgend­et­was in sei­nem ver­dreh­ten Hirn ihn dazu gebracht hat, zu den­ken: Ich habe etwas Ille­ga­les vor, auf dem Weg dahin soll­te ich nicht auf­fal­len, also fahr ich lie­ber ohne Licht. Als wür­de ihn das irgend­wie auf magi­sche Wei­se unsicht­bar machen. Ich atme­te schwer aus und eine dich­te Wol­ke sicht­ba­ren Atems ver­sperr­te mir den Blick auf sei­ne Kar­re, die sich schmerz­haft lang­sam über die Hat­zen­büh­ler Stra­ße näher­te und end­lich zum Ste­hen kam.

Ich wuss­te, dass er sich einen coo­len Auf­tritt erhoff­te hat­te, denn er trug schon sei­ne Mas­ke. Er war auf die Idee mit den Mas­ken gekom­men, ich hat­te vor­her gesagt, dass wir ein­fach Ski­mas­ken tra­gen wür­den, wie es jeder macht, aber er woll­te unbe­dingt etwas Thea­tra­le­res. Er hat­te ein­fach bei zu vie­len Sta­tio­nen­thea­tern mit­ge­macht. Er saß also in sei­nem Auto; schwar­zer Kapu­zen­pul­li, Jacke und die größ­te Ein­horn­la­tex­mas­ke, die man sich nur vor­stel­len konn­te. Er öff­ne­te lang­sam die Tür. Und flüsterte:

„Du musst dei­ne Mas­ke auch aufsetzen.“
„War­um jetzt schon?“
„Weil ich dich doch sonst erkenne.“
„Alter, wir ken­nen uns seit 25 Jahren.“
„Ja aber… Och Mann!“

„Die Kame­ras sind doch erst da drin.“
Ich konn­te sein Gesicht nicht sehen hin­ter der leb­lo­sen Latex­mas­ke, aber ich fühl­te sei­nen ent­täusch­ten Blick. Also griff ich in mei­ne Tasche und zog mei­ne Mas­ke her­aus. Das Ein­horn nick­te auf­ge­regt, als ich sie auf­setz­te. Dann ver­ging das Nicken und der Ein­horn­kopf leg­te sich nach­denk­lich schief.

„Bist du ein Frosch?“
„Was? Nein- war­um soll­te ich- das sind doch Schuppen!“
„Haben Frö­sche kei­ne Schuppen?“
„Ich glau­be nicht.“
„Wie­der was gelernt.“
„Also, kön­nen wir jetzt losgehen?“
„Ja was bist du denn jetzt? Ne Eidech­se? Ne Krö­te? Ein Salamander?“
„Mann, ich bin ein Drache.“
„Oh! Ich hab dich nie als einen Dra­che gesehen.“
„Hä?“
„Naja, Dra­chen haben sowas Mäch­ti­ges, Domi­nan­tes und du…“
„Ich…, ich fin­de du bist auch kein Einhorn!“
„Echt? Ich fin­de schon – ich bin ele­gant, ein biss­chen mys­tisch – und du kennst ja mei­nen großen-“
„Ja, ich habs ver­stan­den. Kön­nen wir jetzt los­le­gen? Es ist gleich zwölf.“
„Ja — let‘s go!“

Er warf sich sei­ne Tasche über den Rücken, hol­te eine Spitz­ha­cke aus sei­nem Kof­fer­raum, ging geduckt auf mich zu und folg­te mir in das Dickicht am Stra­ßen­rand. Wir hat­ten uns bei­de nicht rich­tig über­legt, wie schwer es sein wür­de, mit den Mas­ken im Dun­keln durch das Dickicht bis zum Zaun zu kommen.

„Alter ich seh nichts – sind wir richtig?“
„Ich glaub schon. Lass uns kurz die Mas­ke ab-„
„Nein, die Mas­ken blei­ben auf!“
„Mann, war­um machst du alles immer so kompliziert.“
„Hät­test dir ja einen dei­ner ande­ren Freun­de für die Akti­on mit­neh­men kön­nen. Aber es woll­te kei­ner, oder?“

Das stimmt, als ich den ande­ren von mei­nem Plan erzählt hat­te, hat die eine Hälf­te dar­über gelacht und die ande­re hat­te gesagt, dass sie nichts davon wis­sen woll­te. Nur ER hat­te begeis­tert gesagt: „Schei­ße, ja. Ich bin dabei.“ Also war ich jetzt wohl an ihn gebun­den. End­lich sag­te er: „Hier! Hier ist der Zaun.“

Ich ertas­te­te den Zaun und begann schnell mit dem Bol­zen­schnei­der ein Loch hin­ein­zu­schnei­den, dann schlüpf­ten wir hin­durch und kamen auf der ande­ren Sei­te auf den Lie­ge­flä­chen des Schwimm­ba­des an.

Hier war es ganz ruhig; der Wald dämpf­te die Geräu­sche aus dem Orts­kern. Die Wie­se schim­mer­te im Ster­nen­licht von gefro­re­nem Tau und wie ein gestran­de­ter Wal in der Dun­kel­heit lagen die Becken mit den Rut­schen da.

Ich sah ein wei­te­res Mal auf mein Han­dy – 23:52 – Es wird knapp!

„Wir müs­sen uns beei­len. Zum Schwim­mer­be­cken!“ Schnell gin­gen wir über die Wie­se zum gro­ßen Schwim­mer­be­cken. Es war leer, nur eine letz­te gefro­re­ne Pfüt­ze in der Mit­te und gefal­le­ne Blät­ter, die sich in den Ecken des Beckens zu Hau­fen zusam­men­ge­fun­den hat­ten. Ich woll­te gera­de die Lei­ter hin­un­ter­klet­tern, als er nach mir griff:

„Bist du dir ganz sicher?“ flüs­ter­te er und die toten Ein­horn­au­gen schau­ten auf mich herab.
„Ja.“
„Und es ist wirk­lich hier?“
„Ich bin mir sicher.“ — Das Ein­horn schien einen Moment nach­zu­den­ken, dann nick­te es ent­schlos­sen und folg­te mir in das Becken.

„Lass es uns in der Mit­te machen!“

Er ging, leg­te sei­ne Tasche auf die Sei­te, nahm die Spitz­ha­cke und ließ sie mit aller Kraft auf den Beton­bo­den des Schwimm­ba­des nie­der­sau­sen. Ich war erschro­cken, das war lau­ter als gedacht.

23:54
Er war schnell und kräf­ti­ger, als ich gedacht hat­te – sein schlei­chen­der Wahn­sinn half ihm wohl in die­sem Moment; der Beton­bo­den brach und schnell flo­gen ers­te Bro­cken nach links und nach rechts. Ein Spalt ent­stand – bald schon konn­ten gan­ze Stü­cke aus dem Boden brechen.

23:56
„Wir müs­sen anfan­gen, sonst schaf­fen wir es nicht.“, ich hol­te mei­ne Tasche her­vor und das Paket, dass ich in den letz­ten Wochen zusam­men­ge­baut hat­te. In der Biblio­thek hat­te ich sit­zen müs­sen dafür, weil ich mich nicht getraut hat­te, zu goo­geln, wie es gehen könnte.

23:58
Ich schal­te­te das klei­ne Dis­play an und eine 57 erschien dar­auf – eine Sekun­de spä­ter gefolgt von einer 58. Ich drück­te das Paket tief in den Spalt.

„Los- Los“ Wir rann­ten bei­de zum Becken­rand und dann die Lei­ter hin­auf und hin­ter einer klei­nen Mau­er in Deckung.

Ich hol­te noch ein­mal mein Han­dy her­vor. Ich sah das Hin­ter­grund­bild und erin­ner­te mich an letz­ten Sommer.

„Das ist nur noch Erin­ne­rung.“, sagt das Ein­horn, „Lass es hin­ter dir.“
„Ja mach ich.“
„Guten Rutsch.“, flüs­ter­te das Ein­horn und hielt sich die Ohren zu.
„Guten Rutsch.“, flüs­ter­te ich und mach­te das Gleiche.

0 Uhr. Die Rake­ten began­nen, über Herx­heim auf­zu­stei­gen, so laut und aus jeder Rich­tung – als die Sekun­den­an­zei­ger des Pake­tes eben­falls auf null fiel – und der Boden des Schwimm­ba­des explodierte.
„Fro­hes neu­es Jahr!“

 

Kapi­tel 2

„War­te noch“, flüs­ter­te er hin­ter der Ein­horn­mas­ke. Wir lagen im kal­ten Gras. Die Wol­ke der Explo­si­on lag noch wie ein Schlei­er vor den Ster­nen, sanft erleuch­tet vom bun­ten Licht hun­der­ter Feuerwerksfontänen.

„Ich glaub, es hat geklappt. Du hat­test Recht, nie­mand hat die Explo­si­on gehört“, flüs­ter­te ich.
„Hab’s dir doch gesagt. Hab’s dir immer gesagt“, ich hör­te sein Grin­sen. Als ich ihm von mei­nem Plan erzählt hat­te, da hat­te er sofort gesagt: „Ich sag dir, wie es ablau­fen muss – wir wer­den spren­gen müs­sen, das macht Krach, und wann ist die per­fek­te Zeit, um Krach zu machen? Rich­tig, wenn jeder Krach macht!“ Ich wuss­te bis heu­te nicht, ob es klug war, jeman­den mit­zu­neh­men, der schein­bar jede Art von Spren­gung min­des­tens ein­mal in sei­nem Kopf durch­ge­spielt hat­te. Aber hier war ich mit ihm.

„Sol­len wir’s uns anschau­en?“ Das Ein­horn nick­te und wir sahen hin­über zum Becken. Mit­ten im auf­ge­ris­se­nen Metall­bo­den klaff­te ein schwar­zes Loch. Lei­se rie­sel­ten Stei­ne vom Rand in das Inne­re und ich hör­te, wie sie irgend­wo in der Dun­kel­heit in die Tie­fe fielen.

„Schei­ße, man. Du hat­test wirk­lich recht. Ehr­lich gesagt hab ich gedacht, du bist ’n biss­chen ballaballa.“
„Sei vor­sich­tig!“ Die Beton­plat­te des Schwimm­ba­des knirsch­te lei­se, als wir uns dem Loch näherten.
„Die haben das wirk­lich unter dem Schwimm­bad versteckt?“
„Ja. Was glaubst du, war­um in den 60ern über­all Schwimm­bä­der gebaut wurden?“
„Du meinst, weil sie das alles vor den Sowjets ver­ste­cken muss­ten? Laber nicht – und war­um sollst gera­de du das wissen?“

Ich sah kurz das Ein­horn an. Konn­te er die Wahr­heit ertra­gen? Ich zog mein Han­dy aus mei­ner Tasche. Ich muss­te in der Dun­kel­heit blin­zeln, als das Hin­ter­grund­bild auf­leuch­te­te. Und da war ich. Stolz stand ich in der Mit­te, däm­lich grin­send, ein Schild hoch­hal­tend: 1 Mil­li­ar­de aus dem Zusatz­ver­mö­gen für unse­re Infra­struk­tur – für unse­re Schwimm­bä­der. Und neben mir, däm­lich grin­send, die Halb­glat­ze. Ich hab‘ damals gedacht: Boah, ist der groß.

„Alter, ist das unser Bundespräsident?“
„Was? Nein, nein – das ist der Kanzler.“
„Oh krass – der Merkel.“
„Was? Nein.“
„Ah, das – der Neue, gell?“
„Ja.“
„Der Schulz.“
„Du meinst Scholz, und nein – hast du im letz­ten Jahr irgend­wann mal fern gesehen?“
„Und Alter, das – das bist du, oder? Was hast’n da für Kla­mot­ten an?“ Ich klick­te schnell das Hin­ter­grund­bild weg. Es war mir so pein­lich – mein altes Ich. Mein Hosen­an­zug-Ich. 20 Jah­re Hosen­an­zü­ge – 20 Jah­re, in denen ich die Ter­mi­ne von irgend­wel­chen Typen in der Par­tei orga­ni­siert hat­te, 20 Jah­re, in denen mir Ker­le mit schlech­te­ren Abschlüs­sen als ich Fra­gen gestellt haben: „Sag mal – du als Fräu­lein Schmitt – magst du nicht ein Paper machen zu Kin­der­gar­ten­plät­zen, du hast da irgend­wie mehr Ver­bin­dung als ich.“ Oder: „Das Fräu­lein Schmitt ist wirk­lich taff für eine – also nein, doch wirk­lich taff.“ Und das alles, um irgend­wann end­lich auf einem ech­ten Pos­ten zu sein.
„Das war in einem ande­ren Leben, lass uns anfangen.“

Das Ein­horn trat an den Rand des Loches, wei­te­re Stei­ne lös­ten sich und fie­len in die Tie­fe. Er leuch­te­te mit sei­ner Taschen­lam­pe nach unten. Eini­ge Meter sah man einen Schacht, dann ver­lor sich auch das Licht in den Schatten.
„Schei­ße, wie tief ist das?“
„Ich hab kei­ne Ahnung.“
„Wie konn­ten sie das geheim halten?“
Was denkst du, war­um hier ein Muse­um ist? Jedes Mal, wenn irgend­je­mand durch Zufall einen Hin­weis auf den Schacht fin­det, kom­men die und sagen, dass es irgend­was aus der Stein­zeit ist. Und dann kom­men sie mit ihrer Venus und len­ken alle ab.“
„Laber nicht. Das wür­de doch jeman­dem auf­fal­len, die Leu­te stel­len dann doch Fragen.“
„Ja, und jedes Mal, wenn die Leu­te anfan­gen, Fra­gen zu stel­len, dann kommt das Chaw­we­rusch und macht ein Sta­tio­nen­thea­ter und schwupp probt das hal­be Dorf und dann sind die Vor­stel­lun­gen und schon ver­gisst jeder sei­ne Fra­gen. So geht das seit 40 Jah­ren.“ Der Boden knirsch­te weiter.
„Das glaub ich nicht, man.“
„Was – hast du dir noch nie die Fra­ge gestellt, war­um ein win­zi­ges Dorf in der Pfalz sowohl ein Muse­um als auch ein Thea­ter hat?“
„Stimmt, das ergibt gar kei­nen Sinn.“
„Die Ant­wort ist Ablen­kung. Ablen­kung von der Wahr­heit.“ Wir stan­den einen Moment da, dann wur­de ich unge­dul­dig. „Also gehen wir los?“
„Ich – ähm – ich weiß nicht, ob ich das pack. Man, ich hab Schiss. Das ist viel­leicht ein biss­chen zu groß für mich.“ Damit dreh­te er sich mit gesenk­tem Ein­horn­kopf ab und schlurf­te in Rich­tung des Beckens – dann blieb er plötz­lich ste­hen. „Duck dich.“
Er zog mich mit an die Wand des Schwimm­be­ckens. Ich fühl­te ein Kna­cken unter unse­ren Füßen, wäh­rend wir dort­hin spran­gen. Gefolgt von einem tie­fen Knar­zen. Lang­sam drück­te ich mei­nen Dra­chen­kopf über den Rand und sah die Licht­ke­gel meh­re­rer Taschen­lam­pen am Schwimmbadeingang.
„Schei­ße, sie haben uns doch gehört. Ist das die Polizei?“
„Nein, schlim­mer. Das sind Bademeister.“
„Aber das ist doch nicht schlim­mer als die Polizei.“
„Sei nicht so naiv. Jeder von denen ist spe­zi­ell aus­ge­bil­det – die Bade­meis­ter sind doch dafür da, die Anla­gen zu schützen.“
„Das kann nicht stim­men, Schmitt, du machst mir Angst.“

In die­sem Moment rausch­te der Boden des Schwimm­bads nach unten. Wir bei­de hiel­ten uns am Rand fest, der Metall­bo­den ver­bog sich in die Tie­fe in Rich­tung des Schach­tes und glänz­te dabei im Sternenlicht.
„Es gibt kein Zurück mehr jetzt – es tut mir leid. Aber wir wis­sen zu viel.“
„Aber ich weiß doch gar nichts.“
„Das ist denen egal. Hör mal, ich woll­te nicht, dass es so läuft, aber es gibt jetzt nur noch eine Rich­tung für uns – nach unten.“
„Alter, was?“
„Lass los!“

In die­sem Moment griff er nach mir und ich nach ihm. Ich sah noch sei­nen rie­si­gen Ein­horn­kopf, bevor er sich an mich drück­te und ich mich an ihn und wir bei­de in die Tie­fe rutschten.

 

Kapi­tel 3 – Barbarossa

Frei­er Fall – ich ver­su­che noch, nach der Kan­te des Schwimm­bad­bo­dens zu grei­fen, aber kei­ne Chan­ce – das ist also mein E… Ich habe den Gedan­ken noch nicht zu Ende gedacht, da wird mein Arm nach oben geris­sen. Ich begrei­fe noch nicht, was gera­de los ist, als ein Schmerz wie ein Schrei durch mei­nen Kör­per feu­ert, wäh­rend mein gan­zes Gewicht plötz­lich gestoppt wird – ich unter­drü­cke mei­nen Schrei. Ich höre die Bade­meis­ter zum Rand des Loches kom­men, ich sehe die Licht­ke­gel ihrer Taschen­lam­pen über mir. Ich füh­le jetzt sei­nen har­ten Griff an mei­nem Hand­ge­lenk und sehe ihn, wie er über mir im Nacht­him­mel hängt. Mit einem Arm hält er sich am Schwimm­bad­bo­den, mit dem ande­ren hält er mich.

„Die sind weg“, mault eine Stim­me von oben.
„Nein, dar­auf wür­de ich mich nicht ver­las­sen“, mault eine ande­re. „Ich hole ein Seil. Wir gehen hinterher.“
„Bist du ver­rückt? Das mache ich nicht. Du weißt, was da unten ist.“
„Ja, aber unse­re Auf­ga­be ist es, dafür zu sor­gen, dass es da unten bleibt. Jetzt los.“
Ihre Taschen­lam­pen ver­schwin­den, und ich höre ihre Schrit­te, die sich über den gefro­re­nen Boden entfernen.

„Ich glau­be, sie sind weg“, flüs­te­re ich und grei­fe sei­nen Unter­arm fes­ter. Ich spü­re, dass sein Arm zittert.
„Ich hof­fe es – ich hal­te es nicht mehr lan­ge aus…“, ich höre die Anspan­nung in sei­ner Stim­me hin­ter der Latex­mas­ke. „Ich füh­le mich wie ein gut auf­ge­gan­ge­ner Dampf­nu­del­teig, an dem man reißt, um ihn in klei­ne Por­tio­nen zu bekommen.“
„Ja, war­te!“ Das Ster­nen­licht fällt kraft­los in die Wei­te des Rau­mes um mich her­um, ich sehe kei­nen Boden unter mir, aber lang­sam gewöh­nen sich mei­ne Augen, und ich erken­ne eine gro­be Stein­wand an mei­ner Sei­te. Mono­li­then über Mono­li­then, mit tie­fen Fugen dazwischen.
„War­te, ich glau­be…“ Ich stre­cke mei­ne Hand aus und grei­fe fest in eine der Fugen. „Hier, hier ist eine Wand – ich bin dran!“
„Und was machen wir jetzt?“
„Du lässt los, und ich hal­te dich!“
„Bist du ver­rückt? Ich bin viel schwe­rer als du, du kannst mich nie­mals hal­ten. Wir wer­den bei­de in die Tie­fe stürzen!“
„Wir schaf­fen das. Wir haben so vie­les geschafft, das schaf­fen wir auch. Ver­trau mir!“
Der Ein­horn­kopf schaut mich an, dann nickt er plötzlich.
„Bereit?“
„Bereit.!

Und im glei­chen Moment spü­re ich, wie er los­lässt. Sei­ne Hand fest um mein Gelenk, mei­ne Hand auch fest – für einen Moment fal­len wir bei­de, dann spü­re ich wie­der den Schmerz, dies­mal in mei­nem ande­ren Arm – er kracht gegen die Stein­wand unter mir und ver­liert fast den Halt, dann lässt er mei­nen Arm los, auch er hat einen Griff gefun­den. Wir hän­gen bei­de an der dunk­len Wand.
„Dan­ke dir“, flüs­tert er.
„Dan­ke dir“, flüs­te­re ich zurück.
„Dann geht’s jetzt nach unten, oder?“
Ich nicke, und wort­los begin­nen wir, nach unten zu klet­tern. Das Loch über uns, durch das schwach das Ster­nen­licht zu uns fällt, wird klei­ner. Wir tas­ten uns vor­an, unse­re Füße suchen Halt in der Dun­kel­heit, dann wie­der unse­re Hän­de – Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter klet­tern wir in die Tiefe.
„War­te mal – schei­ße, ich glaube..“
„Was?“
„Ich glau­be, hier ist der Boden.“ Ich sehe ihn nicht mehr, sogar das Weiß sei­ner Ein­horn­mas­ke ist ver­schluckt von der Nacht um uns her­um. „Hier, hier lang!“
Ich füh­le sei­ne Hand an mei­nem Rücken, und dann spü­re ich eben­falls Boden unter mei­nen Füßen. Für einen kur­zen Moment ste­hen wir bei­de da, mit dem Rücken an die kal­te Stein­wand gelehnt, dann höre ich ihn in sei­nem Ruck­sack kramen.
„Ich will ein biss­chen mehr Licht ris­kie­ren – hehe – ver­stehst? Ich bin Gan­dalf … Egal.“
Ich muss blin­zeln, als er sei­ne Taschen­lam­pe anmacht, und wir bei­de wer­den still.
Das war kei­ne Wand, an der wir her­un­ter­ge­klet­tert sind. Das war eine Säu­le. Eine rie­si­ge stei­ner­ne Säu­le. Eine von vie­len. Säu­len­rei­hen in jede Richtung.

„Schei­ße, wie groß ist das hier?“ Sein Ein­horn­kopf schaut sich um, er sieht win­zig aus vor den Säu­len, die sich in der Dun­kel­heit ver­lie­ren. „Ich füh­le mich wie eine zu klei­ne Dampf­nu­del in einer zu gro­ßen Pfanne.“
Ich sehe ein fer­nes rotes Licht. „Ich glau­be, wir müs­sen hier lang.“
Wir machen uns wort­los auf, fol­gen dem vagen Licht. Lang­sam schält sich aus der Dun­kel­heit ein Bal­da­chin aus Stein inmit­ten der Säu­len. Und zwei win­zi­ge Fackeln links und rechts erhel­len den Bal­da­chin. Und ich sehe einen Thron aus Elfen­bein. Und auf dem Thron..

„Was ist das für ’ne Zom­bie­schei­ße?“, flüs­tert er neben mir.
Auf dem Thron sitzt eine Mumie. Eine Kro­ne auf dem ver­trock­ne­ten Schä­del. Die ver­gol­de­ten Klei­der sind stau­big, und der ver­trock­ne­te Kör­per wirkt viel zu win­zig. Nur ihr Bart wirkt noch wie leben­dig – und was für ein Bart das ist: rot und dicht, fällt er auf den Boden und sam­melt sich dort zu einem stau­bi­gen Haufen.
„Yes, it’s him“, hören wir plötz­lich eine Stim­me hin­ter uns. Ich dre­he mich um, und der Schein unse­rer Taschen­lam­pe fällt auf einen Mann, der sich gera­de nähert. Ein beige­far­be­nes Hemd, geöff­net, das Licht fun­kelt auf sei­ner Brust, die gera­de genug ver­schwitzt ist, um ver­we­gen zu glän­zen. Dar­über eine Leder­ja­cke. Im Gür­tel steckt eine Peit­sche. Noch kann ich sein Gesicht nicht sehen, nur ein Kinn, ein ver­schmitz­tes Lächeln und ein attrak­ti­ver Drei­ta­ge­bart. Der Rest wird von einem breit­krem­pi­gen Leder­hut verdeckt.

„Schei­ße, man – ist das..“, flüs­tert das Einhorn.
Ich nicke.
„Han Solo?“
„I sear­ched for his tomb for a long time. I thought it was in the Kyff­häu­ser Monu­ment … but that was all just a diver­si­on, wasn’t it? The swim­ming pools.“, sagt er, wäh­rend er sich film­reif der Mumie nähert.
„Er ist so cool“, flüs­tert das Ein­horn aufgeregt.
„But now I found it – the tomb of Fre­de­rick Barbarossa.“
„Wie jetzt? Der gan­ze Auf­riss wegen irgend­ei­ner alten Leiche?“
„Nein, nicht irgend­ei­ne Lei­che. Ich hat­te geglaubt – nicht so wichtig!“
„Was denn?“
„Ich hat­te geglaubt, er schläft nur. So heißt es in der Sage. Aber er ist tot.“
Ich füh­le mich dumm. Ich habe mein gan­zes Leben an ein Kin­der­mär­chen geglaubt. Der Stress von Wochen und Mona­ten geht durch mei­nen Kör­per, ich set­ze mich auf den Steinboden.
„Yeah, he’s just a dead old Ger­man. Case closed.“
„Es gibt hier kein tie­fe­res Geheim­nis zu ent­de­cken. Es tut mir leid, dass ich dich in all das rein­ge­zo­gen habe. Hier schlum­mert kein mys­ti­scher Dra­che der Erin­ne­rung. Es war alles nur ein Tagtraum.“
Ich ste­he wie­der kraft­los auf, wen­de mich ab und schaue in die Dun­kel­heit zum Ausgang.
„Bull­shit. Ich glau­be, das stimmt nicht. Weißt du, das ist wie beim Dampfnudel-Zubereiten …“
„Hör jetzt end­lich damit auf!“ Ich schreie, obwohl ich es nicht will. Ich füh­le, wie mir Trä­nen in die Augen stei­gen. „Das ist das Ende unse­rer Rei­se! Wie um alles in der Welt soll die­se ver­trock­ne­te Lei­che irgend­was mit Dampf­nu­deln zu tun haben?“
„Wow, girl, that’s not nice“, mischt sich der Hut­typ ein.

Aber das Ein­horn schüt­telt nur den Kopf: „Du brauchst dich nicht so auf­zu­re­gen. Ich weiß, ich bin nicht so klug wie du. Du bist ja so bele­sen. Du hast ein Foto mit Merz auf dei­nem Han­dy – schön! Ich habe das alles nicht. Ich bin doch in dei­nen Augen nur ein Voll­idi­ot mit einer Ein­horn­mas­ke auf. Aber weißt du, wovon ich was verstehe?“
Ich höre, wie sei­ne Stim­me hin­ter der Mas­ke bricht. Mir stei­gen die Trä­nen in die Augen, und ich stot­te­re: „Ent­schul­di­gung, so habe ich das nicht …“
„Nein, jetzt rede ich. Kann ich eine Musik dafür bekom­men? Ich ver­ste­he halt was vom Dampf­nu­del-Machen. Und des­we­gen weiß ich…“
Er zieht eine Dose Mons­ter-Ener­gy­drink aus sei­nem Ruck­sack und öff­net sie zischend, wäh­rend er weiterspricht:
„… dass eine Dampf­nu­del nichts wird, wenn man die Hefe nicht aktiviert.“
Und mit einem Schwung hebt er die Dose über die Mumie:
„Und was braucht man dafür? Zucker und Wasser.“
Damit gießt er den bräun­lich glit­zern­den Inhalt auf den rot­haa­ri­gen Schä­del. In Rinn­sa­len plät­schert er über den ver­trock­ne­ten Kopf und den Hals hin­un­ter, bis unter das stau­bi­ge Gewand.
„Your fri­end is eit­her cra­zy or a genius.“
„Oder bei­des“, flüs­te­re ich und sehe, wie der Ener­gy­drink aus den Ärmeln her­aus über die Arme nach unten fließt. Ich sehe, wie der rote Bart sich füllt, und der Geruch nach Gum­mi­bär­chen steigt mir in die Nase. Die letz­ten Trop­fen fal­len aus der Dose auf den feuch­ten Schädel.
„Und? Pas­siert etwas?“
Einen Moment star­ren wir drei auf die Mumie – nichts geschieht, und da plötzlich:
„Sie sind da hin­ten!“, ruft es vom Tun­nel­ein­gang her. Die Kegel von einem Dut­zend Taschen­lam­pen nähern sich.
„Die Bade­meis­ter – sie kommen!!“
Die Bade­meis­ter nähern sich, und der ers­te ruft: „So, wir haben euch doch gesagt, es ist ver­bo­ten, zum Becken­rand zu springen!“
Und ein ande­rer: „Ja, es hat sich ausgeschwommen.“
„Sie haben uns!“
„Stay behind me.“ Der Mann mit dem Hut stellt sich in den Gang und zückt sei­ne Peitsche.
„Oh man, das ist so cool.“
Ich höre die Peit­sche mehr, als ich sie sehe, wäh­rend sie zwi­schen uns und den Bade­meis­tern durch die Luft schnalzt und sie so auf Abstand hält.
„Das hält sie nicht lan­ge auf“, flüs­tert das Ein­horn dicht neben mir.
Ich schaue nicht hin und ant­wor­te nur: „Es tut mir leid, dass ich dich da mit hin­ein­ge­zo­gen habe“, flüs­te­re ich zurück, und end­lich, ich traue mich, grei­fe ich sei­ne Hand – und er meine.
„Du bist der bes­te Freund, den man sich vor­stel­len kann.“
Ich grei­fe sei­ne feuch­te Hand fest, und der Geruch von Gum­mi­bär­chen steigt mir in die Nase.
„Was – was ist mit dei­ner Hand los?“
„Ich woll­te dich gera­de das­sel­be fra­gen –“, flüs­tert er zurück.
Ich schaue hin­un­ter auf mei­ne Hand – und – ich umklam­me­re die Hand der Mumie.
Sie steht neben mir, in der Mit­te zwi­schen uns beiden.
„Hei­li­ge Schei­ße“, höre ich das Ein­horn sagen. Und der Kopf der Mumie dreht sich in mei­ne Richtung.
„DANKE EUCH.“
Dann geht der Blick sei­nes ver­trock­ne­ten Schä­dels zu den Angreifern.
„BADEMEISTER!“ Er schüt­telt den Kopf. „Wenn man Män­nern mit klei­nem Ego Macht gibt …“
Er schaut mich an.
„Geht den Tun­nel nach hin­ten. Da gibt es einen Ausgang.“
„Wo führt der hin?“
„Wohin wohl … zum Dampfnudelhof!“
Und damit springt Bar­ba­ros­sa über den Mann mit dem Hut hin­weg. Sein roter Bart schwingt in einem hohen Bogen hin­ter ihm her, er lan­det vor den Bade­meis­tern, und er ruft uns zu:
„Lauft!“

ENDE

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“It’s rai­ning men” — Nacht­ca­fé-Geschich­te (2025)