Nachtcafé am 30. Januar

Einem Stück Poe­sie oder Chan­son lau­schen? Dabei sein, wenn eine Schau­spiel­sze­ne zum ers­ten Mal vor Publi­kum gezeigt wird? Akro­ba­ti­sche Höchst­leis­tun­gen bestau­nen? All das ist mög­lich bei unse­rem Nacht­ca­fé am Frei­tag, den 30. Janu­ar 2026 um 21 Uhr.

Des Wei­te­ren wird Mode­ra­tor Dani­lo Fio­ri­ti die Fort­set­zung sei­ner neu­en Nacht­ca­fé-Geschich­te vor­le­sen, pas­send zu unse­rem aktu­el­len Spiel­zeit-Mot­to „Wenn der Dra­che erwacht.“
Beim ver­gan­ge­nen Nacht­ca­fé haben wir zusam­men mit dem Publi­kum fest­ge­legt, wie die Geschich­te im zwei­ten Teil wei­ter­ge­hen soll. Zu drei zen­tra­len Fra­gen haben wir Vor­schlä­ge gesam­melt, und anschlie­ßend über die Optio­nen abgestimmt.

Hier noch mal zum Nach­le­sen, der ers­te Teil der Nachtcafé-Geschichte:

Kapi­tel 1 – Das Schwimm­bad bei Nacht

Wenn ich aus­at­me­te, leg­te sich eine dün­ne Schlie­re über mei­nen Blick auf den kla­ren Nacht­him­mel. Wenn man eine Wei­le dalag und in den Him­mel starr­te, dann zeig­ten sich mehr und mehr Ster­ne, als wür­den sie sich lang­sam aus ihrem Ver­steck wagen, weil man sich durch sei­ne Geduld wür­dig erwie­sen hat.

Nicht, dass das genug war.  Geduld wür­de nicht aus­rei­chen, da war immer noch das Licht der Stra­ßen­la­ter­nen, das Licht des Ein­rich­tungs­hau­ses, und den­noch hier, am Rand von Herx­heim, war das gif­ti­ge Licht schon weniger.

Es fuh­ren fast kei­ne Autos – nie­mand war unter­wegs – jeder war irgend­wo. Hier war es so still, dass man aus dem Orts­kern Musik hör­te, nicht von einem ein­zi­gen Kon­zert oder so, nein, aus ganz vie­len Haus­hal­ten gleich­zei­tig – über­all wur­de gefeiert.

Es war klir­rend kalt und die Käl­te zog durch mei­nen Ano­rak. Ich muss­te mich auf­set­zen. Ich kram­te nach mei­nem Han­dy: 23.45 Uhr und immer noch das Hin­ter­grund­bild – das Bild von letz­tem Som­mer. Ich blin­zel­te es weg und schob das Han­dy schnell wie­der in mei­ne Tasche: Nach heu­te Abend wür­de ich das Bild löschen. Ja, ich wür­de es durchziehen.

23:45 Uhr – lang­sam wird’s knapp. War­um konn­te er nicht ein ein­zi­ges Mal pünkt­lich sein? Ich sah hin­über, hin­ter dem Dickicht, fast unsicht­bar in der Dun­kel­heit, da war der Maschen­draht­zaun. Ich griff nach dem Bol­zen­schnei­der in mei­ner Tasche – soll­te ich ein­fach schon anfangen?

Von der Stra­ße vor­ne bog ein Auto in mei­ne Rich­tung ein – ich wuss­te sofort, dass er es war, weil die Schein­wer­fer aus waren. Ich ahn­te sofort, dass irgend­et­was in sei­nem ver­dreh­ten Hirn ihn dazu gebracht hat, zu den­ken: Ich habe etwas Ille­ga­les vor, auf dem Weg dahin soll­te ich nicht auf­fal­len, also fahr ich lie­ber ohne Licht. Als wür­de ihn das irgend­wie auf magi­sche Wei­se unsicht­bar machen. Ich atme­te schwer aus und eine dich­te Wol­ke sicht­ba­ren Atems ver­sperr­te mir den Blick auf sei­ne Kar­re, die sich schmerz­haft lang­sam über die Hat­zen­büh­ler Stra­ße näher­te und end­lich zum Ste­hen kam.

Ich wuss­te, dass er sich einen coo­len Auf­tritt erhoff­te hat­te, denn er trug schon sei­ne Mas­ke. Er war auf die Idee mit den Mas­ken gekom­men, ich hat­te vor­her gesagt, dass wir ein­fach Ski­mas­ken tra­gen wür­den, wie es jeder macht, aber er woll­te unbe­dingt etwas Thea­tra­le­res. Er hat­te ein­fach bei zu vie­len Sta­tio­nen­thea­tern mit­ge­macht. Er saß also in sei­nem Auto; schwar­zer Kapu­zen­pul­li, Jacke und die größ­te Ein­horn­la­tex­mas­ke, die man sich nur vor­stel­len konn­te. Er öff­ne­te lang­sam die Tür. Und flüsterte:

„Du musst dei­ne Mas­ke auch aufsetzen.“
„War­um jetzt schon?“
„Weil ich dich doch sonst erkenne.“
„Alter, wir ken­nen uns seit 25 Jahren.“
„Ja aber… Och Mann!“

„Die Kame­ras sind doch erst da drin.“
Ich konn­te sein Gesicht nicht sehen hin­ter der leb­lo­sen Latex­mas­ke, aber ich fühl­te sei­nen ent­täusch­ten Blick. Also griff ich in mei­ne Tasche und zog mei­ne Mas­ke her­aus. Das Ein­horn nick­te auf­ge­regt, als ich sie auf­setz­te. Dann ver­ging das Nicken und der Ein­horn­kopf leg­te sich nach­denk­lich schief.

„Bist du ein Frosch?“
„Was? Nein- war­um soll­te ich- das sind doch Schuppen!“
„Haben Frö­sche kei­ne Schuppen?“
„Ich glau­be nicht.“
„Wie­der was gelernt.“
„Also, kön­nen wir jetzt losgehen?“
„Ja was bist du denn jetzt? Ne Eidech­se? Ne Krö­te? Ein Salamander?“
„Mann, ich bin ein Drache.“
„Oh! Ich hab dich nie als einen Dra­che gesehen.“
„Hä?“
„Naja, Dra­chen haben sowas Mäch­ti­ges, Domi­nan­tes und du…“
„Ich…, ich fin­de du bist auch kein Einhorn!“
„Echt? Ich fin­de schon – ich bin ele­gant, ein biss­chen mys­tisch – und du kennst ja mei­nen großen-“
„Ja, ich habs ver­stan­den. Kön­nen wir jetzt los­le­gen? Es ist gleich zwölf.“
„Ja — let‘s go!“

Er warf sich sei­ne Tasche über den Rücken, hol­te eine Spitz­ha­cke aus sei­nem Kof­fer­raum, ging geduckt auf mich zu und folg­te mir in das Dickicht am Stra­ßen­rand. Wir hat­ten uns bei­de nicht rich­tig über­legt, wie schwer es sein wür­de, mit den Mas­ken im Dun­keln durch das Dickicht bis zum Zaun zu kommen.

„Alter ich seh nichts – sind wir richtig?“
„Ich glaub schon. Lass uns kurz die Mas­ke ab-„
„Nein, die Mas­ken blei­ben auf!“
„Mann, war­um machst du alles immer so kompliziert.“
„Hät­test dir ja einen dei­ner ande­ren Freun­de für die Akti­on mit­neh­men kön­nen. Aber es woll­te kei­ner, oder?“

Das stimmt, als ich den ande­ren von mei­nem Plan erzählt hat­te, hat die eine Hälf­te dar­über gelacht und die ande­re hat­te gesagt, dass sie nichts davon wis­sen woll­te. Nur ER hat­te begeis­tert gesagt: „Schei­ße, ja. Ich bin dabei.“ Also war ich jetzt wohl an ihn gebun­den. End­lich sag­te er: „Hier! Hier ist der Zaun.“

Ich ertas­te­te den Zaun und begann schnell mit dem Bol­zen­schnei­der ein Loch hin­ein­zu­schnei­den, dann schlüpf­ten wir hin­durch und kamen auf der ande­ren Sei­te auf den Lie­ge­flä­chen des Schwimm­ba­des an.

Hier war es ganz ruhig; der Wald dämpf­te die Geräu­sche aus dem Orts­kern. Die Wie­se schim­mer­te im Ster­nen­licht von gefro­re­nem Tau und wie ein gestran­de­ter Wal in der Dun­kel­heit lagen die Becken mit den Rut­schen da.

Ich sah ein wei­te­res Mal auf mein Han­dy – 23:52 – Es wird knapp!

„Wir müs­sen uns beei­len. Zum Schwim­mer­be­cken!“ Schnell gin­gen wir über die Wie­se zum gro­ßen Schwim­mer­be­cken. Es war leer, nur eine letz­te gefro­re­ne Pfüt­ze in der Mit­te und gefal­le­ne Blät­ter, die sich in den Ecken des Beckens zu Hau­fen zusam­men­ge­fun­den hat­ten. Ich woll­te gera­de die Lei­ter hin­un­ter­klet­tern, als er nach mir griff:

„Bist du dir ganz sicher?“ flüs­ter­te er und die toten Ein­horn­au­gen schau­ten auf mich herab.
„Ja.“
„Und es ist wirk­lich hier?“
„Ich bin mir sicher.“ — Das Ein­horn schien einen Moment nach­zu­den­ken, dann nick­te es ent­schlos­sen und folg­te mir in das Becken.

„Lass es uns in der Mit­te machen!“

Er ging, leg­te sei­ne Tasche auf die Sei­te, nahm die Spitz­ha­cke und ließ sie mit aller Kraft auf den Beton­bo­den des Schwimm­ba­des nie­der­sau­sen. Ich war erschro­cken, das war lau­ter als gedacht.

23:54
Er war schnell und kräf­ti­ger, als ich gedacht hat­te – sein schlei­chen­der Wahn­sinn half ihm wohl in die­sem Moment; der Beton­bo­den brach und schnell flo­gen ers­te Bro­cken nach links und nach rechts. Ein Spalt ent­stand – bald schon konn­ten gan­ze Stü­cke aus dem Boden brechen.

23:56
„Wir müs­sen anfan­gen, sonst schaf­fen wir es nicht.“, ich hol­te mei­ne Tasche her­vor und das Paket, dass ich in den letz­ten Wochen zusam­men­ge­baut hat­te. In der Biblio­thek hat­te ich sit­zen müs­sen dafür, weil ich mich nicht getraut hat­te, zu goo­geln, wie es gehen könnte.

23:58
Ich schal­te­te das klei­ne Dis­play an und eine 57 erschien dar­auf – eine Sekun­de spä­ter gefolgt von einer 58. Ich drück­te das Paket tief in den Spalt.

„Los- Los“ Wir rann­ten bei­de zum Becken­rand und dann die Lei­ter hin­auf und hin­ter einer klei­nen Mau­er in Deckung.

Ich hol­te noch ein­mal mein Han­dy her­vor. Ich sah das Hin­ter­grund­bild und erin­ner­te mich an letz­ten Sommer.

„Das ist nur noch Erin­ne­rung.“, sagt das Ein­horn, „Lass es hin­ter dir.“
„Ja mach ich.“
„Guten Rutsch.“, flüs­ter­te das Ein­horn und hielt sich die Ohren zu.
„Guten Rutsch.“, flüs­ter­te ich und mach­te das Gleiche.

0 Uhr. Die Rake­ten began­nen, über Herx­heim auf­zu­stei­gen, so laut und aus jeder Rich­tung – als die Sekun­den­an­zei­ger des Pake­tes eben­falls auf null fiel – und der Boden des Schwimm­ba­des explodierte.
„Fro­hes neu­es Jahr!“

- Ende ers­ter Teil -

Publikumsfragen für den zweiten Teil:

Wel­ches Geschlecht hat unser Protagonist?
54 Stim­men fie­len auf weib­lich,
23 auf männ­lich,
14 auf divers.
Damit war klar: Unse­re Geschich­te hat eine Prot­ago­nis­tin.

Die zwei­te Fra­ge lautete:
Wer ist außer der Prot­ago­nis­tin noch auf dem Bild?
Zur Aus­wahl standen:
– der Exfreund: 5 Stimmen
– ein Frosch: 8 Stimmen
– ein Cha­mä­le­on: 8 Stimmen
– der ver­stor­be­ne Vater: 6 Stimmen
– Fried­rich Merz: 52 Stimmen
Die Mehr­heit war eindeutig.

Die letz­te Fra­ge schließlich:
Was sucht die Prot­ago­nis­tin unter dem Schwimmbad?
– einen Dra­chen: 2 Stimmen
– Lithi­um: 26 Stimmen
– ein gol­de­nes Zim­mer: 12 Stimmen
– ein Schnee­köf­fer­chen: 7 Stimmen
– Kai­ser Bar­ba­ros­sa: 36 Stimmen

Wer also wis­sen möch­te, was unse­re weib­li­che Haupt­fi­gur mit Fried­rich Merz ver­bin­det und war­um sie unter dem Schwimm­bad in Herx­heim nach Kai­ser Bar­ba­ros­sa sucht, der soll­te am 30. Janu­ar ins Nacht­ca­fé kommen.