Nachtcafé-Geschichte “It’s raining men” (2025)
Kapitel 1 – It’s Raining Men
Am Morgen des 31. Januars 2025 um 07:53 fiel etwas auf den Balkon von Gisela Mertens.
Es war ein eigentümliches Geräusch, das entstand, als das Ding auf ihrem Balkon landete. Es war kein Knall, ein Zuhörer hätte es wohl in Ermangelung eines besseren Wortes ein Flatschen genannt. Das war wohl auch der Grund, warum zwar der einzelne blaue Wellensittich im Wohnzimmer laut gackerte, als er das Flatschen gehört hatte, aber Frau Mertens weiter in ihre Morgenroutine versunken war. Gisela Mertens stand nämlich in diesem Augenblick, wie jeden Tag, noch einmal vor dem Spiegel in dem engen Flur neben ihrer Wohnungstür, betrachtete sich ein letztes Mal, bevor sie zur Arbeit gehen würde, und wunderte sich – jeden Tag ein wenig.
Sie wusste, dass sie 56 Jahre alt war. Aber wenn sie in den Spiegel sah, war sie weder alt noch jung. “Ein bisschen Speck glättet die Falten”, hatte ihre Mutter immer gesagt, und vielleicht war es das. Ihre Haut war glatt und ihr Gesicht rund, aber ihre Augen lagen in tiefen Falten. Ihr Haar war noch voll, aber von einem undefinierbaren Mausblond, das langsam zu einem undefinierbaren Mausgrau hinüberwuchs.
Ihre Kleidung – so viel Beige.
Sie erinnerte sich noch an dieses eine Foto aus ihrer Kindheit, tief in den 70ern. Knalliges Orange hatte sie getragen, einen Pullunder mit roten Streifen, eine knallig blaue Latzhose mit gelben Knöpfen. Sie erinnerte sich noch genau an das Bild – aufgenommen bei einem Fotoshooting in dem kleinen Studio in ihrem Heimatdorf. Mit angespannter Haltung, aber mit einem breiten Grinsen, saß sie in diesen bunten Kleidern auf einem hässlichen Schaukelpferd.
Wahrscheinlich war das der bunteste Tag ihres Lebens gewesen. Und dann – irgendwie war die Farbe aus ihren Kleidern entwichen. In der Schule hatte es angefangen. Alles wurde grell in den 80ern, aber sie wollte nicht auffallen. In der Klasse nicht angesprochen werden. Niemandem die Möglichkeit geben, sie anzugreifen…
Beige.
Natürlich wusste sie, wie sie auf andere wirkte. Und manchmal – manchmal, im Urlaub – kaufte sie sich ein buntes Halstuch aus Seide mit großen Blumenmustern. Sie nahm sich vor, es zu Hause, auf der Arbeit, zu tragen. Die Schublade ihres Nachttischs war voll von diesen Tüchern. Alle noch in den kleinen Plastiktütchen, in die sie die Verkäuferinnen auf den Basaren gesteckt hatten. Sie hatte sie nie getragen. Sie konnte die Schublade kaum öffnen, ohne dass sie herausquollen und auf den Boden fielen. Aber Gisela war geschickt – mit Kraft presste sie die Tücher zusammen und drückte die Schublade fest zu. Das war ja leicht, sie musste sie ohnehin nur einmal im Jahr öffnen, wenn ein weiterer Schal hinzukam.
Warum den auf der Arbeit tragen? Auf der Arbeit hätten sich die Leute nach ihr umgeschaut, wenn sie einen getragen hätte. Sie hätten geschmunzelt: “Was ist denn mit der Mertens los?“ Sie würden es nicht fragen, aber sie würden es denken. Wenn sie ihren Namen überhaupt wüssten.
Niemand wusste genau, wie lange Gisela schon dort arbeitete. Jeder wusste, dass sie irgendwie schon immer da war. Und sie selbst musste immer wieder überlegen – zehn, fünfzehn Jahre? Vielleicht zwanzig? Die Kollegen grüßten sie höflich, aber sie luden sie nie zum Mittagessen ein. Wenn sie Urlaub hatte, fiel es niemandem auf. Wenn sie krank war, blieb ihr Schreibtisch unberührt, bis sie wiederkam.
Die Männer?
Es hatte ein paar gegeben, aber keiner war geblieben. Männer hatten sie übersehen oder irgendwann verlassen. Der letzte war Kurt gewesen, ein geschiedener Busfahrer, der einmal zu ihr gesagt hatte: „Gisela, du bist so unkompliziert.“ Und dann war er weg. Zu einer Frau, die weniger unkompliziert war – aber aufregender.
Das Zirpen ihres letzten Wellensittichs holte sie aus ihren Gedanken. Aufgeregt flatterte er in seinem Käfig herum. Gisela hatte einmal mehr als diesen einen Wellensittich gehabt, aber in den letzten Monaten waren alle gestorben. Und Gisela erwartete fast, dass auch Pucki bald wegen Altersschwäche ableben würde. Vielleicht war das wilde Geflatter gerade ein letztes Aufbäumen – vor dem unausweichlichen Tod.
Gisela schüttelte traurig den Kopf und erwartete bereits, dass sie Pucki am Abend als steifes kleines, blaues Knäuel auf dem Boden des Käfigs finden würde. Zu schade war das.
Gisela hatte die Klinke schon in der Hand und wollte ihre Wohnung gerade verlassen. Da sah sie im Augenwinkel ein kurzes Flackern an ihrem Wohnzimmerfenster vorbeizischen. Dann hörte sie einen Schrei. Einen Schrei unten auf der Straße. Gisela ging ins Wohnzimmer und sah durch ihr Fenster hinunter. Aus allen Winkeln kamen Leute auf einen Punkt zugelaufen. Die Straße war geborsten, ein rundes Loch – spinnwebartig gingen Risse über die Straße. Und in der Mitte – Gisela schreckte zurück – ein Körper.
Erschrocken stolperte sie, stieß an ihren Sessel und wollte gerade wieder zum Fenster, sie hörte Rufe auf der Straße – aber soweit kam sie nicht. Denn jetzt sah sie durch ihre Balkontür. Und da lag jemand. Als Erstes sah sie einen kleinen Hintern, gefolgt von fleischigen Rücken, mit rotblonden Haaren an den Seiten. Kurts Rücken – flackerte es durch Giselas Kopf – war auch so behaart gewesen. 
Das Gesicht des Mannes war von ihr abgewandt, sie sah nur den fast kahlen Schädel, der von einem Kranz buschiger, rotblonder Haare umstanden war, die bereits grau wurden. So lag dieser Kerl da, zwischen Giselas Balkonstuhl und den vertrockneten Geranien des Vorjahres. Er war nicht tot, da war kein Blut. Einen Moment stand sie so da – dann tippte sie mit der Spitze ihres Fingernagels an die Scheibe.
„Hallo? Sind Sie tot?“ Der Wellensittich flatterte weiter und Gisela nickte. „Ja, ja, ist ja schon gut. Ich schau doch schon nach.“ Eisige Januarluft strömte um ihre Füße, als sie die Tür öffnete. Aus allen Ecken der Stadt hörte sie Rufe und Schreie – Polizeisirenen. Sie tippte mit ihrem Fuß an den Oberschenkel des Mannes – keine Reaktion.
Gisela nickte und drehte sich wieder um. Sie würde ihn da liegen lassen und die Polizei rufen. In diesem Moment hörte sie ein leises Knacken. Sie sah nach unten – ein kleiner Riss bildete sich am Rand des Balkons. Der Riss wurde breiter – es knirschte. Es musste sein Aufschlag gewesen sein — „Hallo, Sie müssten jetzt langsam aufstehen“, sagte sie, während das Knirschen lauter wurde. Sie sah, wie der Balkon sich langsam senkte.
„Himmelherrgott.“ Sie griff nach dem kalten Arm des Mannes und zog ihn zur Tür. Nur langsam – er war schwer. Sie griff nach dem zweiten Arm – der Kopf baumelte reglos zwischen den beiden Armen. Sie stemmte sich mit den Beinen gegen die Balkontür – sie hatte den Mann jetzt bis zu den Schultern in der Wohnung, als der Kopf sich plötzlich hob.
Der Mann blickte mit blauen, verständnislosen Augen auf Gisela –
und der Balkon senkte sich krachend in die Tiefe.
Kapitel 2 — Koppwäsche
Rumms. Dieses Wort beschreibt gleich zweierlei Dinge, die sich im Augenblick im Leben von Gisela Mertens ereigneten.
Rumms – Da war das Geräusch des zerschellenden Balkons im Vorgarten des Mietshauses von Frau Mertens. Ein winziger Teil ihrer Aufmerksamkeit war gerade darauf gelenkt, sie stellte sich ihren öden Balkonstuhl vor, der gerade in Richtung Straße rollte, und sie hoffte, dass der Balkon niemanden getroffen hätte. Und, falls doch, dann höchstens Herrn Krakauer, der, wenn es einen Gott gäbe, genau in diesem Moment wie jeden Tag seinen Dackel sein Geschäft in ihrem Vorgarten verrichten ließ. Aber Gisela glaubte nicht daran, dass sie viel Glück hatte.
Und da war ja noch dieses andere RUMMS in ihrem Leben. Wobei man bei diesem RUMMS nicht wirklich von einem Geräusch sprechen kann. Vielmehr von einem Gefühl, dem Gefühl eines haarigen Oberkörpers, der nach dem letzten Ruck von Gisela zwischen ihren Beinen hindurchgeflutscht und auf ihrer Bluse gelandet war. Vielleicht hatte sie gerade über Herrn Krakauer und seinen Dackel nachgedacht, weil ihr Geist sich mit aller Kraft vor der Erkenntnis schützen wollte, dass gerade ein nackter Mann auf ihr lag, sein Gesicht nur eine Handbreit von ihrem entfernt, seine blauen Augen weit geöffnet.
Aber er war da – und er blinzelte kaum, und ihm schien nicht klar zu sein, in was für einer Situation er gerade war.
„Was war dat für’n Rumms?“, fragte er leise.
„Mein Balkon.“
Er drehte sich zur noch offenen Tür: „Oh, Dankeschään.“
„Ähm, sind Sie – sind Sie verletzt?“
Der Mann schien die Frage nicht zu verstehen, aber dann sah er wie suchend an seinem Körper herunter: „Nee, ich würd’ saan, ich – Ach du Scheiss…“ Er sprang auf – er hatte es jetzt wohl verstanden – „Ich bin – warum bin ich?“ Er sprang hinter Giselas Cordsessel. Dann ploppte sein Kopf wieder hoch. Erst sein fast kahler Schädel mit den einzelnen roten Locken, dann seine blauen Augen: „Hannse mich ausgezogen?“
„Nein, also – jetzt hörn Sie ma’…“, Gisela sprach nicht weiter, denn etwas veränderte sich in den Augen des Mannes. Angst, Panik und Überforderung wichen langsam, als er sie anschaute, als wolle er sich an etwas erinnern, das lang verschüttet war. Selbst der Wellensittich hatte aufgehört zu zwitschern, er war nah an das Gitter herangerückt und starrte mit einem Auge gespannt auf die Szene.
„Kennen’r uns?“, er legte den Kopf ein wenig schief, während er nachdachte, und Gisela fand, dass er ein wenig wie ein kleiner kahler Dackel dabei aussah, „Es kommt mir fast so vor, als würd’ ich Sie schon lang kenn’.“
„Also, ich hol’ Ihnen dann mal wat zum Anzieh’n. Un’ dann…“ – sie drehte sich um, ohne noch etwas zu sagen, verließ das Wohnzimmer und ging in den Gang – dort lehnte sie sich kurz an die Wand. Erst jetzt begannen ihre Beine zu zittern.
„Ich sann mer wirklich sicher, dass wir zwei uns kenn’. Bisch’d vllt aus Berschweiler?“,
Ihr Herz wummerte plötzlich und sie tappste weiter in Richtung ihres Schlafzimmers.
„Ich hann da mol eene kannt. Die hat so Ache khatt wie du. Hann mit ihr uff de Kerb danzt, des muss 95 gewess’n sein.“
Sie öffnete ihre Schanktür. Und sah im Augenwinkel den Mann. Er hielt sich ein Kissen vor den Körper und sah sie an: „Ich sann übrigens der…“ „Klaus!“, sagte sie ohne hin zu schauen. Sie starrte immer noch auf die beigen Kleiderberge in ihrem Schrank, ihr Mund hatte gesprochen ohne da sie es gewollt hatte.
„Hann ichs doch wusst!“, ohne hinzusehen wusste sie, dass er grinste, „Gille! Gille Mensch da mer zwo uns noch senn.“ „Gisela. Ich heiße Gisela. Niemand nennt mich mehr…“, Ihre Stimme wurde schneller ihre Hände zitterten als sie eine Hose und eine großen Pulli aus dem Schrank grabschte, „Ich wär froh wenn Sie – wenn du – wenn du dir jetzt was anziehst, Klaus.“ Sie warf ihm beides entgegen und drehte sich dann zum Fenster. Ohne etwas zu sagen hörte sie, wie er das Kissen auf das Bett legte und dann anfing, die Hose anzuziehen. „Wie bist du hierhergekommen?“
„Ich würd’ saan, ich bin hierher komme mit’m Wind.“, Gisela sah durch das Fenster auf die Straße, wo der andere Mann aufgeschlagen war. Und sie runzelte die Stirn. Wo vorhin noch viele Menschen gestanden hatten, da lagen jetzt nur noch Kleider. Kleider in einem Kreis um die Aufschlagstelle. Kein Menschen mehr.
„Ich war bei’rer Kopfwäsch’. Der Kerim aus Dringe, der is’ Vadder wor’n, un’ da hänn’r uns betrung’. Ich weeß nimmer, wie’s komme is’. Sann am End’ vum Awend gwess, un’ mir warn so betrung, mir standen noch’mol zamm’ für’n letzte Zigarett’, un’ mir warn sentimental wor’n, un’ un’ irgendeener hat gesaat, dass mir jetz’ scho’ so alt sinn, un’ en anderer hat gesaat, dass er no’ so viel erlewe wollt’.“
Gisela sah eine Gruppe von Vögeln in Formation über den Hochhäusern der Siedlung.
„Un’ plötzlich sinn’r losjerannt. Schneller un’ immer schneller. Wie die Blöde sinn’r gerannt, als wollte’r abhewe, awwer du kannscht net abhewe, wenn’d noch so schwer bisch. Un’ da hat der Kerim im Lauf’n sei Hemd ausgezog’n un’ sei Schuh’, un’ mir hänn’ alle mitjemaacht un’ hänn’ gemerkt, dass mir immer leichter wer’n.“
Immer mehr Vögel stiegen auf und schlossen sich dem Schwarm an. Ein Teil von Gisela wusste, dass es keine Vögel waren, aber sie drängte den Gedanken beiseite noch bevor er wirklich gedacht war.
„Warum bist du dann abgestürzt?“ Sie drehte sich wieder um, Klaus sah in dem viel zu großen beigen Pulli auf ihrem Bett traurig aus, aber dann lächelte er sie an: „Ich hab die Orientierung verloren… wenn es dunkel is‘ und du die andern nicht mehr siehst… Und plötzlich bin ich abgestürzt.“
„Das ist ja – das ist ja traurig. Hör zu…“ aber sie konnte nicht weitereden, denn Klaus schüttelte den Kopf, „Ne ich hab Glück gehabt! Ich bin bei dir gelandet.“
„Du musst jetzt wieder zurück. Die Kleider kannst du behalten. Ich ruf dir ein Taxi und dann kannst du…“ „Ich will deine Kleider nicht. Ich will kein Taxi. Und ich will nicht zurück ins Saarland!“
„Bei mir kannst du auch nicht bleiben.“
„Des will ich auch nicht.“
„Oh — ich hab gedacht.“
Plötzlich grinste er und stand auf: „Was denn Gisela? Was hast du gedacht.“
„Nichts ich-„ Er war jetzt ganz nah bei ihr: „Hass’d gedenkt, dass ich immer noch in dich verliebt bin, weil mir zwei Mol uff de Kerwe danzt hänn? Dass ich so froh bin, dich wieder zu seh’n? Hass’d gedenkt, dass ich mir immer wieder iwwerlegt hab’, was gewes‘ wär, wenn mir zwei damals, wenn mir nur zwei Minute länger gered’ hätte? Dass mir zwei dann vllt scho‘ seit 30 Johr zamm’ wär’n?“
Gisela stolpert vor Klaus zurück und presste sich gegen ihren Nachttisch. Gedanken blitzten auf von Klaus mit dichten roten Locken und einer Jeansjacke auf einem winzigen Festplatz irgendwo im Nichts vor ewig langer Zeit. Sie sah wie dieser Klaus sie angrinste. Im Wohnzimmer hörte sie den Wellensittich wild in seinem Käfig zwitschern.
„Du hast mich niemals angerufen danach.“
„Ich hab‘ nicht gedacht, dass du mich wirklich… Ich wollte nicht enttäuscht werden. Deswegen hab‘ ich nie angerufen.“ In diesem Moment schoss Pucki zwitschernd in das Schlafzimmer, Gisela erschrak, sie stolperte, der Nachttisch fiel um und eine Flut von bunten Seidentüchern, eingepackt in Plastik, ergoss sich über den Boden und Gisela darauf.
„Es tut mir leid.“
„Mir tut es auch leid.“, sagte Klaus zog die Hose aus, streifte den Pulli ab und öffnete das Fenster, „Machs gut Gille!“
„Wenn du jetzt wieder alleine fliegst, dann wirst du irgendwann wieder abstürzen.“
„Ich weiß.“
„Warte!“
Am Morgen des 31. Januars 2025 um 08:07 ziemlich genau 14 Minuten, nachdem etwas auf den Balkon von Gisela Mertens gefallen war, stand Gisela auf dem kiesbedeckten Flachdach ihres Mietshauses und bibberte. Sie bibberte während ein beigefarbener Haufen neben ihr lag. Sie bibberte, während der Wind über ihren Rücken fuhr, zwischen ihre Beine, während sich die feinen Härchen überall an ihrem Körper aufstellten. Es war so kalt, dass ihre Hände verkrampften. Und was gut war, denn sie hielt ein seidenes Tuch fest umschlossen. Gisela Mertens erinnerte sich noch, an die Verkäuferin im Urlaub der sie es abgekaut hatte. Das Tuch war verknotet mit einem weiteren und einem weiteren und immer so fort. Eine lange bunter Seidenkette wehte im Januarwind und Gisela sah hinüber zum anderen Ende. Klaus hielt es festumschlossen. Er zitterte auch im Wind, aber er grinste sie an: „Bereit?“
„Bereit.“
Ende.