Das Finale der Nachtcafé-Geschichte

Beim letz­ten Nacht­ca­fé am 27. März 2026 las Dani­lo Fio­ri­ti den von allen mit gro­ßer Span­nung erwar­te­te letz­ten Teil der Nacht­ca­fé-Geschich­te “Wenn der Dra­che erwacht”. Hier noch mal zum Nach­le­sen, für alle, die nicht dabei waren:

(Hier geht es zur gesam­ten Nacht­ca­fé-Geschich­te, inkl. ers­ter und zwei­ter Teil)

Teil 3 – Barbarossa

Frei­er Fall – ich ver­su­che noch, nach der Kan­te des Schwimm­bad­bo­dens zu grei­fen, aber kei­ne Chan­ce – das ist also mein E… Ich habe den Gedan­ken noch nicht zu Ende gedacht, da wird mein Arm nach oben geris­sen. Ich begrei­fe noch nicht, was gera­de los ist, als ein Schmerz wie ein Schrei durch mei­nen Kör­per feu­ert, wäh­rend mein gan­zes Gewicht plötz­lich gestoppt wird – ich unter­drü­cke mei­nen Schrei. Ich höre die Bade­meis­ter zum Rand des Loches kom­men, ich sehe die Licht­ke­gel ihrer Taschen­lam­pen über mir. Ich füh­le jetzt sei­nen har­ten Griff an mei­nem Hand­ge­lenk und sehe ihn, wie er über mir im Nacht­him­mel hängt. Mit einem Arm hält er sich am Schwimm­bad­bo­den, mit dem ande­ren hält er mich.

„Die sind weg“, mault eine Stim­me von oben.
„Nein, dar­auf wür­de ich mich nicht ver­las­sen“, mault eine ande­re. „Ich hole ein Seil. Wir gehen hinterher.“
„Bist du ver­rückt? Das mache ich nicht. Du weißt, was da unten ist.“
„Ja, aber unse­re Auf­ga­be ist es, dafür zu sor­gen, dass es da unten bleibt. Jetzt los.“
Ihre Taschen­lam­pen ver­schwin­den, und ich höre ihre Schrit­te, die sich über den gefro­re­nen Boden entfernen.

„Ich glau­be, sie sind weg“, flüs­te­re ich und grei­fe sei­nen Unter­arm fes­ter. Ich spü­re, dass sein Arm zittert.
„Ich hof­fe es – ich hal­te es nicht mehr lan­ge aus…“, ich höre die Anspan­nung in sei­ner Stim­me hin­ter der Latex­mas­ke. „Ich füh­le mich wie ein gut auf­ge­gan­ge­ner Dampf­nu­del­teig, an dem man reißt, um ihn in klei­ne Por­tio­nen zu bekommen.“
„Ja, war­te!“ Das Ster­nen­licht fällt kraft­los in die Wei­te des Rau­mes um mich her­um, ich sehe kei­nen Boden unter mir, aber lang­sam gewöh­nen sich mei­ne Augen, und ich erken­ne eine gro­be Stein­wand an mei­ner Sei­te. Mono­li­then über Mono­li­then, mit tie­fen Fugen dazwischen.
„War­te, ich glau­be…“ Ich stre­cke mei­ne Hand aus und grei­fe fest in eine der Fugen. „Hier, hier ist eine Wand – ich bin dran!“
„Und was machen wir jetzt?“
„Du lässt los, und ich hal­te dich!“
„Bist du ver­rückt? Ich bin viel schwe­rer als du, du kannst mich nie­mals hal­ten. Wir wer­den bei­de in die Tie­fe stürzen!“
„Wir schaf­fen das. Wir haben so vie­les geschafft, das schaf­fen wir auch. Ver­trau mir!“
Der Ein­horn­kopf schaut mich an, dann nickt er plötzlich.
„Bereit?“
„Bereit.!

Und im glei­chen Moment spü­re ich, wie er los­lässt. Sei­ne Hand fest um mein Gelenk, mei­ne Hand auch fest – für einen Moment fal­len wir bei­de, dann spü­re ich wie­der den Schmerz, dies­mal in mei­nem ande­ren Arm – er kracht gegen die Stein­wand unter mir und ver­liert fast den Halt, dann lässt er mei­nen Arm los, auch er hat einen Griff gefun­den. Wir hän­gen bei­de an der dunk­len Wand.
„Dan­ke dir“, flüs­tert er.
„Dan­ke dir“, flüs­te­re ich zurück.
„Dann geht’s jetzt nach unten, oder?“
Ich nicke, und wort­los begin­nen wir, nach unten zu klet­tern. Das Loch über uns, durch das schwach das Ster­nen­licht zu uns fällt, wird klei­ner. Wir tas­ten uns vor­an, unse­re Füße suchen Halt in der Dun­kel­heit, dann wie­der unse­re Hän­de – Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter klet­tern wir in die Tiefe.
„War­te mal – schei­ße, ich glaube..“
„Was?“
„Ich glau­be, hier ist der Boden.“ Ich sehe ihn nicht mehr, sogar das Weiß sei­ner Ein­horn­mas­ke ist ver­schluckt von der Nacht um uns her­um. „Hier, hier lang!“
Ich füh­le sei­ne Hand an mei­nem Rücken, und dann spü­re ich eben­falls Boden unter mei­nen Füßen. Für einen kur­zen Moment ste­hen wir bei­de da, mit dem Rücken an die kal­te Stein­wand gelehnt, dann höre ich ihn in sei­nem Ruck­sack kramen.
„Ich will ein biss­chen mehr Licht ris­kie­ren – hehe – ver­stehst? Ich bin Gan­dalf … Egal.“
Ich muss blin­zeln, als er sei­ne Taschen­lam­pe anmacht, und wir bei­de wer­den still.
Das war kei­ne Wand, an der wir her­un­ter­ge­klet­tert sind. Das war eine Säu­le. Eine rie­si­ge stei­ner­ne Säu­le. Eine von vie­len. Säu­len­rei­hen in jede Richtung.

„Schei­ße, wie groß ist das hier?“ Sein Ein­horn­kopf schaut sich um, er sieht win­zig aus vor den Säu­len, die sich in der Dun­kel­heit ver­lie­ren. „Ich füh­le mich wie eine zu klei­ne Dampf­nu­del in einer zu gro­ßen Pfanne.“
Ich sehe ein fer­nes rotes Licht. „Ich glau­be, wir müs­sen hier lang.“
Wir machen uns wort­los auf, fol­gen dem vagen Licht. Lang­sam schält sich aus der Dun­kel­heit ein Bal­da­chin aus Stein inmit­ten der Säu­len. Und zwei win­zi­ge Fackeln links und rechts erhel­len den Bal­da­chin. Und ich sehe einen Thron aus Elfen­bein. Und auf dem Thron..

„Was ist das für ’ne Zom­bie­schei­ße?“, flüs­tert er neben mir.
Auf dem Thron sitzt eine Mumie. Eine Kro­ne auf dem ver­trock­ne­ten Schä­del. Die ver­gol­de­ten Klei­der sind stau­big, und der ver­trock­ne­te Kör­per wirkt viel zu win­zig. Nur ihr Bart wirkt noch wie leben­dig – und was für ein Bart das ist: rot und dicht, fällt er auf den Boden und sam­melt sich dort zu einem stau­bi­gen Haufen.
„Yes, it’s him“, hören wir plötz­lich eine Stim­me hin­ter uns. Ich dre­he mich um, und der Schein unse­rer Taschen­lam­pe fällt auf einen Mann, der sich gera­de nähert. Ein beige­far­be­nes Hemd, geöff­net, das Licht fun­kelt auf sei­ner Brust, die gera­de genug ver­schwitzt ist, um ver­we­gen zu glän­zen. Dar­über eine Leder­ja­cke. Im Gür­tel steckt eine Peit­sche. Noch kann ich sein Gesicht nicht sehen, nur ein Kinn, ein ver­schmitz­tes Lächeln und ein attrak­ti­ver Drei­ta­ge­bart. Der Rest wird von einem breit­krem­pi­gen Leder­hut verdeckt.

„Schei­ße, man – ist das..“, flüs­tert das Einhorn.
Ich nicke.
„Han Solo?“
„I sear­ched for his tomb for a long time. I thought it was in the Kyff­häu­ser Monu­ment … but that was all just a diver­si­on, wasn’t it? The swim­ming pools.“, sagt er, wäh­rend er sich film­reif der Mumie nähert.
„Er ist so cool“, flüs­tert das Ein­horn aufgeregt.
„But now I found it – the tomb of Fre­de­rick Barbarossa.“
„Wie jetzt? Der gan­ze Auf­riss wegen irgend­ei­ner alten Leiche?“
„Nein, nicht irgend­ei­ne Lei­che. Ich hat­te geglaubt – nicht so wichtig!“
„Was denn?“
„Ich hat­te geglaubt, er schläft nur. So heißt es in der Sage. Aber er ist tot.“
Ich füh­le mich dumm. Ich habe mein gan­zes Leben an ein Kin­der­mär­chen geglaubt. Der Stress von Wochen und Mona­ten geht durch mei­nen Kör­per, ich set­ze mich auf den Steinboden.
„Yeah, he’s just a dead old Ger­man. Case closed.“
„Es gibt hier kein tie­fe­res Geheim­nis zu ent­de­cken. Es tut mir leid, dass ich dich in all das rein­ge­zo­gen habe. Hier schlum­mert kein mys­ti­scher Dra­che der Erin­ne­rung. Es war alles nur ein Tagtraum.“
Ich ste­he wie­der kraft­los auf, wen­de mich ab und schaue in die Dun­kel­heit zum Ausgang.
„Bull­shit. Ich glau­be, das stimmt nicht. Weißt du, das ist wie beim Dampfnudel-Zubereiten …“
„Hör jetzt end­lich damit auf!“ Ich schreie, obwohl ich es nicht will. Ich füh­le, wie mir Trä­nen in die Augen stei­gen. „Das ist das Ende unse­rer Rei­se! Wie um alles in der Welt soll die­se ver­trock­ne­te Lei­che irgend­was mit Dampf­nu­deln zu tun haben?“
„Wow, girl, that’s not nice“, mischt sich der Hut­typ ein.

Aber das Ein­horn schüt­telt nur den Kopf: „Du brauchst dich nicht so auf­zu­re­gen. Ich weiß, ich bin nicht so klug wie du. Du bist ja so bele­sen. Du hast ein Foto mit Merz auf dei­nem Han­dy – schön! Ich habe das alles nicht. Ich bin doch in dei­nen Augen nur ein Voll­idi­ot mit einer Ein­horn­mas­ke auf. Aber weißt du, wovon ich was verstehe?“
Ich höre, wie sei­ne Stim­me hin­ter der Mas­ke bricht. Mir stei­gen die Trä­nen in die Augen, und ich stot­te­re: „Ent­schul­di­gung, so habe ich das nicht …“
„Nein, jetzt rede ich. Kann ich eine Musik dafür bekom­men? Ich ver­ste­he halt was vom Dampf­nu­del-Machen. Und des­we­gen weiß ich…“
Er zieht eine Dose Mons­ter-Ener­gy­drink aus sei­nem Ruck­sack und öff­net sie zischend, wäh­rend er weiterspricht:
„… dass eine Dampf­nu­del nichts wird, wenn man die Hefe nicht aktiviert.“
Und mit einem Schwung hebt er die Dose über die Mumie:
„Und was braucht man dafür? Zucker und Wasser.“
Damit gießt er den bräun­lich glit­zern­den Inhalt auf den rot­haa­ri­gen Schä­del. In Rinn­sa­len plät­schert er über den ver­trock­ne­ten Kopf und den Hals hin­un­ter, bis unter das stau­bi­ge Gewand.
„Your fri­end is eit­her cra­zy or a genius.“
„Oder bei­des“, flüs­te­re ich und sehe, wie der Ener­gy­drink aus den Ärmeln her­aus über die Arme nach unten fließt. Ich sehe, wie der rote Bart sich füllt, und der Geruch nach Gum­mi­bär­chen steigt mir in die Nase. Die letz­ten Trop­fen fal­len aus der Dose auf den feuch­ten Schädel.
„Und? Pas­siert etwas?“
Einen Moment star­ren wir drei auf die Mumie – nichts geschieht, und da plötzlich:
„Sie sind da hin­ten!“, ruft es vom Tun­nel­ein­gang her. Die Kegel von einem Dut­zend Taschen­lam­pen nähern sich.
„Die Bade­meis­ter – sie kommen!!“
Die Bade­meis­ter nähern sich, und der ers­te ruft: „So, wir haben euch doch gesagt, es ist ver­bo­ten, zum Becken­rand zu springen!“
Und ein ande­rer: „Ja, es hat sich ausgeschwommen.“
„Sie haben uns!“
„Stay behind me.“ Der Mann mit dem Hut stellt sich in den Gang und zückt sei­ne Peitsche.
„Oh man, das ist so cool.“
Ich höre die Peit­sche mehr, als ich sie sehe, wäh­rend sie zwi­schen uns und den Bade­meis­tern durch die Luft schnalzt und sie so auf Abstand hält.
„Das hält sie nicht lan­ge auf“, flüs­tert das Ein­horn dicht neben mir.
Ich schaue nicht hin und ant­wor­te nur: „Es tut mir leid, dass ich dich da mit hin­ein­ge­zo­gen habe“, flüs­te­re ich zurück, und end­lich, ich traue mich, grei­fe ich sei­ne Hand – und er meine.
„Du bist der bes­te Freund, den man sich vor­stel­len kann.“
Ich grei­fe sei­ne feuch­te Hand fest, und der Geruch von Gum­mi­bär­chen steigt mir in die Nase.
„Was – was ist mit dei­ner Hand los?“
„Ich woll­te dich gera­de das­sel­be fra­gen –“, flüs­tert er zurück.
Ich schaue hin­un­ter auf mei­ne Hand – und – ich umklam­me­re die Hand der Mumie.
Sie steht neben mir, in der Mit­te zwi­schen uns beiden.
„Hei­li­ge Schei­ße“, höre ich das Ein­horn sagen. Und der Kopf der Mumie dreht sich in mei­ne Richtung.
„DANKE EUCH.“
Dann geht der Blick sei­nes ver­trock­ne­ten Schä­dels zu den Angreifern.
„BADEMEISTER!“ Er schüt­telt den Kopf. „Wenn man Män­nern mit klei­nem Ego Macht gibt …“
Er schaut mich an.
„Geht den Tun­nel nach hin­ten. Da gibt es einen Ausgang.“
„Wo führt der hin?“
„Wohin wohl … zum Dampfnudelhof!“
Und damit springt Bar­ba­ros­sa über den Mann mit dem Hut hin­weg. Sein roter Bart schwingt in einem hohen Bogen hin­ter ihm her, er lan­det vor den Bade­meis­tern, und er ruft uns zu:
„Lauft!“

ENDE

(Hier geht es zur gesam­ten Nacht­ca­fé-Geschich­te, inkl. ers­ter und zwei­ter Teil)