Happy-End-Geschichten


In Zeiten von Corona veröffentlichen wir hier alle zwei Tage eine „Happy-End-Geschichte“.
Verfasst von unseren Ensemble-Mitgliedern und künstlerischen Gästen, die in unterschiedlichen Zusammenhängen mit uns zusammengearbeitet haben.
Viel Vergnügen beim Schmökern und Anhören wünschen wir!
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Happy-End-Geschichte 10: Die Brille 
von Betty Burk

Es war 1970/1971, ganz genau weiß ich das nicht mehr. Ich hatte jedenfalls noch keinen Führerschein. Seit zwei Jahren musste ich eine Brille tragen. Meine Sehschwäche wurde zu Beginn meiner Lehrzeit festgestellt – es war für mich sehr schlimm, eine Brille tragen zu müssen (damals waren Brillen noch nicht chic). Jetzt durfte ich mir meine zweite Brille aussuchen, die natürlich viel schöner sein sollte, als die erste dicke Hornbrille. Diese neue moderne Brille lag nun zur Abholung bei einem Karlsruher Optiker bereit und kostete sage und schreibe 320,— DM. Meine Mutter gab mir das Geld und erlaubte mir, hinterher noch in die Innenstadt zu fahren zum „Bummeln“. Das Wort Shopping kannte ich damals noch nicht. Ich nahm meine gleichaltrige Cousine mit und wir machten uns mit dem Zug auf den Weg. Brille in Karlsruhe-Mühlburg abholen, bezahlen und ab mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Wir bummelten durch das Kaufhaus Schneider in der Kaiserstraße und mussten auch irgendwann die dortige Kundentoilette aufsuchen. Hier muss ich erwähnen, dass meine neue Brille die Fähigkeit besaß, sich bei Tageslicht zu verdunkeln und als Sonnenbrille zu fungieren. Bei künstlichem Licht wurde sie zwar wieder hell, aber nicht ganz so schnell. Wir gingen also zur Toilette. Beim anschließenden Händewaschen legte ich meine Brille auf die Ablage unterm Spiegel, da es mir ein wenig zu dunkel war. Kurze Zeit später bemerkte ich mit Schrecken, dass ich meine Brille in der Toilette hatte liegen lassen. Ich stürmte zurück, natürlich war sie nicht mehr da. Das große Heulen begann. Wir ließen über die Information des Kaufhauses mehrfach durchsagen, dass es sich bei dieser Brille nicht um eine gewöhnliche Sonnenbrille handelt (was man aufgrund der Färbung hätte vielleicht annehmen können), sondern um eine teuere optische Brille, die unbedingt zurückgegeben werden sollte. Es war alles erfolglos. Schließlich gaben wir auf und fuhren ziemlich verzweifelt mit der Straßenbahn zurück an den Mühlburger Bahnhof (ca. 6 km von der Innenstadt entfernt). Am Bahnhof angekommen, hatten wir noch über eine halbe Stunde Zeit, bis der nächste Zug in die Pfalz ging. Ich schlug vor, zu trampen (was damals für uns üblich war) um nicht so viel Zeit zu vertrödeln. Meine Cousine lehnte dies jedoch ab mit der Bemerkung, dass heute schon zuviel passiert sei und schlug vor, in der Bahnhofsgaststätte noch eine Cola zu trinken, bis unser Zug kam. Gesagt – getan. Plötzlich wurde meine Cousine auf eine Frau am Nachbartisch aufmerksam. Sie meinte: „Diese Bluse hab ich heute schon einmal gesehen! Ich glaube, diese Frau war vorhin zusammen mit uns im Kaufhaus Schneider auf der Toilette.“ Ohne lange zu zögern ging ich schnurstraks auf die Frau zu und fragte, ob sie vorhin im Schneider auf der Toilette war und ob sie da vielleicht eine „vermeintliche“ Sonnenbrille gefunden hätte. Völlig überrumpelt und verdutzt bejahte die Frau meine Frage. Daraufhin forderte ich sie auf, mir meine Brille unverzüglich wieder auszuhändigen, da ich diese dringend benötige und sie ja schließlich ganz neu wäre und ich heute dafür 320,— DM bezahlt hatte. Die Frau griff in ihre Handtasche und übergab mir total verlegen meine Brille zurück. Sie sagte, dass sie die Brille für eine Sonnenbrille hielt, worauf ich ihr antwortete, dass sie sie auch dann nicht einfach hätte einstecken dürfen. Ich kann nicht beschreiben, wie erleichtert ich war, auf solch ungewöhnliche Weise meine teuere Brille wieder bekommen zu haben. Meine Cousine sagte hinterher: „Dann war es doch nicht umsonst, dass vorhin in der Straßenbahn einige Vaterunser gebetet habe.“
Noch heute bin ich erstaunt über meinen damaligen Mut, diese fremde Frau einfach angesprochen zu haben.

Betty Burk hat schon unzählige Produktionen von Chawwerusch gesehen und ist Gründungsmitglied des Theaters Kauderwelsch Neupotz, das in Zusammenarbeit mit Chawwerusch im Jahr 2010 ein Stationentheater produzierte.

 

Happy-End-Geschichte 9: Die Rechnung des Schuhmachers
von Walter Menzlaw

nach einer wahren Geschichte aus Herxheim

 

Walter Menzlaw ist seit der Gründung unseres Theaters 1984 bei Chawwerusch dabei. Er arbeitet als Autor, Regisseur und Theaterpädagoge. 

 

Happy-End-Geschichte 8: Ich war da!
von Isabell Jung

 

Isabell Jung arbeitet u.a. als Poesiepädagogin und Autorin. Sie leitet die Schreibwerkstatt „Atelier der Worte“ und schenkt Raum zur sprachlichen Entfaltung auf Papier und Bühne. Beim Theaterbummel unseres Theaters gestaltete sie die Mitmachaktion „PoeTisch“, für „Die Show“ der Expedition Chawwerusch 2017 und 2018 erarbeitete sie mit Jugendlichen thematische Gastbeiträge.

 

Happy-End-Geschichte 7: Nie mehr da hinunter
von Barbara Schüßler

Da hinunter führen 5 Treppenstufen, die das Bürgerbüro vom Büro für Ausländerangelegenheiten trennen.
5 Jahre und 5 Tausend Kilometer trennen Ali von seinem Geburtsland, von der Bedrohung durch Terroristen, die Entscheidung der Mutter, den noch nicht 5-zehn-jährigen auf seinen gefährlichen Weg zu schicken. Bis hierher. Hier hat er 5 Stunden lang Auskunft gegeben darüber, warum er diesen Weg gegangen ist. Er ist angekommen, hat die Sprache und eine andere Kultur gelernt. Es wird ihm gesagt, dass er das Recht hat auf Schutz und Bleiben. Bescheinigt auf einem Schriftstück. Mit Stempel.
Doch gebrochen wird das Siegel und das Papier ungeduldig. Eine Bleibe kann nur bekommen, wer jede noch so kleine Regel einhält. Aber hier bleiben musst du! Residenzpflicht und Reiseverbot. Obwohl doch Deutschland ein freies Land ist? Für alle Bürger Deutschlands. Ihnen wird geholfen. Während der Sprechzeiten im Bürgerbüro. Vertraulich. Anonym. Ausländer werden aufgerufen, mit ihrem Namen. Nur mit Termin. Pünktlich auf die Minute! Da unten.
Im Bürgerbüro, mit dem Dokument eines deutschen Gerichts, dass Ali einen deutschen Namen bekommt, per gegenseitiger Adoption als Kind deutscher Eltern, da ist die drängende Frage: Nie mehr da hinunter? – Nie mehr da hinunter!

Barbara Schüßler arbeitet u.a. als Theaterautorin für das Theater unter der Dauseck (TudD), mit dem das Chawwerusch eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. Immer wieder zeigte das TudD seine Stücke in unserem Theatersaal. Die aktuelle Produktion „Deckel drauf! Eine schwarze Familien-Komödie mit Biss“, von Barbara verfasst und vom Chawwerusch-Regisseur Walter Menzlaw inszeniert, sollte eigentlich im März diesen Jahres bei uns gastieren. Die Vorstellung musste aufgrund des Corona-Shut-Downs entfallen, soll aber im Dezember diesen Jahres nachgeholt werden.
Barbara über Ihre Beziehung zu unserem Theater: Das Chawwerusch-Theater kenne ich seit 10, vielleicht auch schon 15 Jahren, von denen jedes einzelne voller schöner, inspirierender Begegnungen ist.

 

Happy-End-Geschichte 6: Die Prophezeiung
von Felix S. Felix

 

Felix S. Felix ist seit der Gründung unseres Theaters 1984 Ensemble-Mitglied bei uns.

 

Happy-End-Geschichte 5
von Sanna Heidweiler

Samstagnachmittag. Ich (eine übermüdete Mutter) quäle mich mit dem Großen (im Kinderwagen), der Kleinen (in der Trage) und einem schweren Einkaufskorb durch den überfüllten Supermarkt. In der Gemüseabteilung schenkt mir ein Herr ein aufmunterndes Lächeln. Als wir uns auf dem Parkplatz wieder begegnen, sagt er ganz unvermittelt: „Meine Frau und ich haben vier Kinder großgezogen, das letzte ist seit zwei Monaten aus dem Haus. Und ich sage Ihnen, Sie schaffen das!“

Sanna Heidweiler verbindet mit dem Chawwerusch eine über 20jährige Zusammenarbeit und Freundschaft. Sie wirkte als Schauspielerin u.a. mit bei „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (1999), „Nichts ist so schön als WIE EIN VOGEL durch die Luft zu fliegen“ (2000) und bei verschiedenen Stationentheatern. Zuletzt war sie letzten Sommer in „Heimwärts in die Fremde“ zu sehen.

 

Happy-End-Geschichte 4: Quadratum magicum
von Silke Bender

Mannheim leuchtete. Na und wenn schon. Heiße Fassaden, kalkweiß-blendender Putz zwischen abgesifftem, halb besprühtem Muschelkalk um Mehrfamiliensilos – der Gang über Markt- und Paradeplatz war für Giro auch heute keine Freude. 24 Grad schon um sieben Uhr morgens und der Asphalt roch eindeutig nach zwei Wochen ohne Regen – na da freue sich wer kann über diesen ersten Junitag!
Später auf dem Rückweg war es dann schon dunkler, über der barrocken Fassade von St. Sebastian brauten sich Wolken zusammen, aber das musste nichts heißen. Die Dunstglocke überm Kessel ist das erste Erkennungszeichen von Mannheim, wenn man aus dem Westen kommt und kann oft tagelang dunkel-düster aber knochentrocken bleiben. Schon beinahe am Hauseingang zur Wohnung angekommen, fiel Giros Blick auf den neuen Laden an der Ecke. Da ließ er spontan sein inneres Orchester einen kleinen Salut spielen: „Ta-ta-ta-ta! Dönerladen Nr. 783 – auch er wird keine Marktlücke schließen!“ Aber ein bisschen Baklava und eine Tasse Tee wären ja ganz nett.
Drinnen dann erst mal keiner, „Hallo!?“
Aus der Tür hinter der Theke kam eine Frau in Jeans und Orientbluse. Haare bis zum Hintern, dunkle üppige Locken, ein Lächeln wie Scheherazade: „Hi, sorry, wir räumen grade noch ein, was magst du? Das Baklava hier ist nach einem Spezialrezept meiner Großmutter gebacken.“
Giro, mit Dauergrinsen zurück auf der Straße, hielt die klebrigen Süßteile fest und merkte nicht mal, dass sein Shirt Flecken bekam. Die Dinger schmeckten auch noch, als die ersten Tropfen fielen. Sommerregen in den Quadraten riecht nach Kokos, Kardamom und ein wenig nach Klee.

Silke Bender hat das Chawwerusch Theater zum ersten Mal als Studentin gesehen, als es „Trotz alledem“ auf Sommertournee 1997 spielte. Sie war hellauf begeistert und ist es immer noch. Seit 2015 arbeitet sie selbst als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der freien Bühne in Herxheim.

 

Happy-End-Geschichte 3: Die Geschichte vom Reisen
von Judith Achner

Stets wollte sie reisen
Und wollte nie bleiben.
Stets wollte sie scheiden
Von hier und dem Jetzt.
Und immer nur Ziehen und immer nur Schweifen
Bloß niemals Stillstand, kein inneres Reifen.

Wenn sie das dröhnende Rauschen der startenden Maschinen vernahm, wurde es ruhig in ihr. Auf dem Weg zwischen zwei Welten – zwei Leben – verspürte sie innere Ruhe.
Transitorischer Raum. Kein Gestern. Kein Morgen. Nur weg! Das Vorbeifliegen von Städten, Orten, Menschen, Geschichten, Schicksalen, die man nie erkunden, nie kennen, nie lernen, nie mitfühlen würde. All das war beruhigend. Es gab so viel da draußen. So unendlich viel. Da würde für sie doch auch etwas dabei sein. Irgendwo. Man müsste nur lang genug suchen.
Und mit einem Mal wurde ihrem ganzen bisherigen Sein Einhalt geboten  – ihr transitorisches Ich zum Stillstand gezwungen. Kein Gestern. Kein Morgen. Nur Jetzt!
Als die erste Welle der Angst hinter ihr lag, öffnete sie die Augen und sah klar. Als würde sich der Dunst und Nebel erheben. Sie sah die Stadt, den Ort, die Menschen, ihre Geschichten und Schicksale und sie fühlte so viel. Und etwas löste sich in ihr und sie blickte in sich hinein und sprach:

Jetzt muss ich nicht reisen
Und darf einfach bleiben
Jetzt werd ich nicht scheiden
Von hier und dem Jetzt.
Jetzt muss ich nicht ziehen und auch nicht mehr schweifen
Jetzt werd ich hier stehn und innerlich reifen.

Judith Achner kennt Chawwerusch durch ihre langjährige Weggefährtin und liebste Bühnenpartnerin Miriam Grimm.
2017 und ´18 stand Judith als Mia in „demut vor deinen taten baby“ im Chawwerusch Theater auf der Bühne. Außerdem war sie im November letzten Jahres zu Gast bei „Frau Miriam lädt ein“.

 

Happy-End-Geschichte 2: Vroni, denk an dein Pony! 
von Monika Kleebauer

Es war ihr größter Herzenswunsch, seit sie am ersten Weihnachtsfeiertag die „Mädels vom Immenhof“ im Fernsehen gesehen hatte. So eine tiefe Sehnsucht hatte sie überrollt, dass sie weinend in ihr Zimmer rannte und die Tränen bis zum Abend nicht aufhören wollten. Keines ihrer Geschwister konnte sie trösten. Wie denn auch? Konnten Sie doch nicht nachvollziehen, was es für Vroni bedeutete, sich auf den Rücken eines Ponys zu träumen. Ein schwarz-weiß Geschecktes, das sie im fliegenden Galopp über üppige Weiden trug.
Kein Tag verging, an dem Vroni nicht über „ihr“ Pony sprach. Heimlich entwendete sie aus der Büroschublade ihres Vater die gute Papierschere, schnitt am Straßenrand alles frische Gras ab und legte die Halme sorgfältig hinter der Hütte im Garten in die Sonne, damit „Dina“ – so sollte ihr Pony heißen – genügend zu schmausen hatte.
Allen erzählte Vroni von ihrem Wunsch, sogar dem Zahnarzt Rückinger, als sie bei ihm auf dem Behandlungsstuhl saß. Als ein Zahn gezogen werden musste und Vroni bockte, gelang es ihm, sie zu beruhigen: „Vroni, denk an Dein Pony!“.
Vroni war sich ganz sicher: An ihrem neunten Geburtstag würde ihr Wunsch in Erfüllung gehen! Schon die Tage davor hatten ihre Geschwister immer miteinander getuschelt und sofort aufgehört zu sprechen, wenn sie in die Nähe kam.
Und dann war er da, der 28. Juni. Schon bei Sonnenaufgang sprang Vroni mit einem Satz aus dem Bett und schaute aus dem Fenster. Aber: kein Pony stand unten im Garten. Beim Geburtstagsfrühstück gab es Himbeerrolle wie jedes Jahr und jede Menge Pferdebücher. Der Tag verging mit Glückwünschen von Opa, Oma, Tanten und Onkeln. Aber kein Pony. Vroni wagte nicht zu fragen, denn ein bisschen Hoffnung hegte sie, dass ihr Traum doch noch in Erfüllung gehen könnte. Es war schon spät, als sie anfing, sich langsam auszuziehen. Sie angelte nach ihrem Pyjama, der war mit bunten kleinen Pferden bedruckt. Da hörte sie einen kleinen Stein an ihr Fenster schlagen.
Unten im Hof saß ihr Bruder Axel auf einem Riesengaul und winkte hoch: „Alles Gute zum Geburtstag! Darf ich vorstellen, das ist Dora. Vom Bauer Neidlinger. Die darfst Du jetzt jeden Tag in den Stall reiten, wenn Du magst. Ist das nicht dufte?“ Vroni nickte mit Herzklopfen.

Monika Kleebauer ist seit der Gründung unseres Theaters 1984 Ensemble-Mitglied bei uns.

 

Happy-End-Geschichte 1: Und wenn sie nicht gestorben sind
von Jean-Michel Räber


Jean-Michel Räber schrieb für Chawwerusch auf Grundlage von Improvisationen mit dem Ensemble das Stück „Liberté, wir kommen! Wie die Französische Revolution und die Pfalz kam“, das ursprünglich Anfang Juni diesen Jahres Premiere haben sollte. Die Premiere ist wegen der Corona-Pandemie auf Sommer 2021 verschoben. 

(Die Beiträge aus der vorherigen Reihe „Drinbleiben.Dranbleiben.“ finden Sie auf unserem YouTube-Kanal.)