Happy-End-Geschichten

Unser Spielbetrieb war von Mitte März bis Ende Juni 2020 aufgrund der Pandemie eingestellt.
In dieser Zeit haben wir auf unserer Homepage alle zwei Tage eine „Happy-End-Geschichte“ veröffentlicht.
Verfasst von unseren Ensemble-Mitgliedern und künstlerischen Gästen, die in unterschiedlichen Zusammenhängen mit uns zusammengearbeitet haben.
Unsere neue Produktion „Wurzeln schlagen“ feierte nun am 28.6.2020 Premiere, damit haben die Live-Auftritte die virtuellen Happy-End-Geschichten abgelöst.
Hier können Sie die Geschichten aber alle nachlesen. Einfach runter scrollen …
Viel Vergnügen beim Schmökern und Anhören wünschen wir!

Die letzte Happy-End-Geschichte: HappyEnd missing
von Barbara Schüßler

Ich erzähle Ali, dass ich wieder eine Geschichte geschrieben habe. Eines seiner Erlebnisse vom Ankommen in Deutschland (Und zwar die Happy-End-Geschichte Nr. 20 „Deutsche Normalität“).
Eine Geschichte, die gut ausgegangen ist für ihn und daher für das Chawwerusch-Theater als HappyEnd-Geschichte taugt.
Ali, erfreut, dass er im Mittelpunkt steht und fasziniert, wie ich das formuliere, meint: Trotzdem vermisse ich das Happy End. Ich bin die Hauptperson und verdiene ja wohl eine Gage. Das wäre ein Happy End!

Barbara Schüßler arbeitet u.a. als Theaterautorin für das Theater unter der Dauseck (TudD), mit dem das Chawwerusch eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. Immer wieder zeigte das TudD seine Stücke in unserem Theatersaal. Die aktuelle Produktion „Deckel drauf! Eine schwarze Familien-Komödie mit Biss“, von Barbara verfasst und vom Chawwerusch-Regisseur Walter Menzlaw inszeniert, sollte eigentlich im März diesen Jahres bei uns gastieren. Die Vorstellung musste aufgrund des Corona-Shut-Downs entfallen, soll aber im Dezember diesen Jahres nachgeholt werden.
Barbara über Ihre Beziehung zu unserem Theater: Das Chawwerusch-Theater kenne ich seit 10, vielleicht auch schon 15 Jahren, von denen jedes einzelne voller schöner, inspirierender Begegnungen ist.

 

Happy-End-Geschichte 22: Afrika in KL
von Monika Kleebauer

Afrika. Elefanten. Löwen. Giraffen. Zebras. Von so was träumen Kinder in den 50ger Jahren in KL. Ella, 9 Jahre und ihr 3 Jahre jüngerer Bruder Fritz drücken sich seit Minuten die Nasen platt am Schaufenster vor dem „Fritz-Walter-Kino“. Sie können sich nicht sattsehen an den farbigen Fotos einer fremden und bunten Welt. Ihre „Ohs“ und „Ahs“ wollen nicht aufhören, ihre Begeisterung über den Film ebenfalls nicht. „Die Wüste lebt“, so heißt die preisgekrönte Naturdokumentation von Walt Disney, die jetzt auch in KL zu sehen ist.
Für Ella und Fritz unerreichbar. In dieser Zeit gibt es noch kein Taschengeld. Und als Kinder ohne Begleitperson wird man im Kino nicht reingelassen. So bleiben also nur die plattgedrückten Nasen und eine unerfüllte Sehnsucht. Fritz zieht Ella am Arm. „Komm, lass uns heimgehen“. „Ja, gleich“, antwortet Ella, bewegt sich aber keinen Millimeter von der Stelle. Da spürt Ella, wie jemand hinter sie tritt und befürchtet schon, dass ihre Mutter die beiden aufgespürt hat und sie mit nach Hause nehmen will. Eine Hand legt sich auf ihre Schulter. Langsam dreht sie sich um und blickt nach oben. Direkt ins Gesicht von Gemeindepfarrer Mohn, ein enger Freund der Familie und leidenschaftlicher Kinogänger. „Na, den Film würdet ihr wohl gerne sehen?“. Ella und Fritz nicken eifrig. „Also los, dann kommt mal mit“. Er öffnet die Tür zum Kino, zückt sein Portemonnaie, bezahlt und drückt den beiden fassungslosen Kindern zwei Eintrittskarten in die Hand. „Ihr dürft rein. Das hab ich mit dem Kinobesitzer geklärt. Und jetzt geh ich und sag Euren Eltern Bescheid, damit die wissen, wo Ihr seid. Viel Spaß!“
Im Dunkeln des Saales kann man die Augen von Ella und Fritz vor Begeisterung glitzern sehen.
Dass der Film gar nicht Afrika zeigt, sondern die Wüstengebiete der amerikanischen
Sierra Nevada, das ist an diesem Nachmittag in KL für Ella und Fritz gar nicht wichtig……

Monika Kleebauer ist seit der Gründung unseres Theaters 1984 Ensemble-Mitglied bei uns.

Happy-End-Geschichte 21: Lied von der Furchtlosigkeit
von Silke Bender

 

Silke Bender hat das Chawwerusch Theater zum ersten Mal als Studentin gesehen, als es „Trotz alledem“ auf Sommertournee 1997 spielte. Sie war hellauf begeistert und ist es immer noch. Seit 2015 arbeitet sie selbst als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der freien Bühne in Herxheim.

 

Happy-End-Geschichte 20: Deutsche Normalität
von Barbara Schüßler

Nachts sei er an der Bushaltestelle gestanden, wie so oft, erzählt Ali. Es sei schon klar gewesen, dass das Polizeiauto, das auf der anderen Straßenseite fuhr, wendet, um ihn zu kontrollieren. Dass die junge Polizistin beim Aussteigen die Handschuhe anzieht, sei auch klar gewesen. Was bedeutet das?, frage ich nach. Na, dass ich abgetastet werde, wie so oft, sagt Ali.
Ich erschrecke. Noch nie bin ich in meinen mehr als 50 Jahren von der Polizei kontrolliert worden. Abtasten kenne ich nur vom Flughafen. Das ist normal, sagt Ali. Normal?!
Ja, aber jetzt kommt das Beste, triumphiert Ali. Ihren Ausweis, bitte!, habe der Polizist gesagt. Den habe ich doch gerne gezeigt, erzählt Ali und zückt, wie zum Beweis für sich und uns seinen druckfrischen Personalausweis. Und dann?, frage ich. Na, alles okay. Die Polizistin hat die Handschuhe ausgezogen, sie und ihr Kollege sind ins Auto gestiegen und weggefahren. Ohne weitere Kontrolle? Das ist normal, meint Ali: Ich bin doch jetzt Deutscher!

Barbara Schüßler arbeitet u.a. als Theaterautorin für das Theater unter der Dauseck (TudD), mit dem das Chawwerusch eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. Immer wieder zeigte das TudD seine Stücke in unserem Theatersaal. Die aktuelle Produktion „Deckel drauf! Eine schwarze Familien-Komödie mit Biss“, von Barbara verfasst und vom Chawwerusch-Regisseur Walter Menzlaw inszeniert, sollte eigentlich im März diesen Jahres bei uns gastieren. Die Vorstellung musste aufgrund des Corona-Shut-Downs entfallen, soll aber im Dezember diesen Jahres nachgeholt werden.
Barbara über Ihre Beziehung zu unserem Theater: Das Chawwerusch-Theater kenne ich seit 10, vielleicht auch schon 15 Jahren, von denen jedes einzelne voller schöner, inspirierender Begegnungen ist.

 

Happy-End-Geschichte 19: happy garten ende
von Felix S. Felix

Unser Ensemble-Mitglied Felix S. Felix feiert am 28.6.2020 Premiere mit der neuen Gartenlesung „Wurzeln schlagen“. Alle Auftrittstermine dazu finden Sie hier.
Einen kleinen Vorgeschmack gibt die heutige Happy-End-Geschichte, gesprochen und geschrieben von Felix S. Felix.

 

Happy-End-Geschichte 18: Katz und Maus
von Barbara Schüßler

Carla, so hieß unsere Katze, war eine fleißige Mäuse-Jägerin, was sie uns gerne morgens auf dem Fußabstreifer präsentierte. Tagsüber erholte sie sich in unserem Kellerraum, am liebsten auf einer alten Tasche, zwischen Camping-Utensilien, Wäscheschrank und Vorratsregal. Eines Tages mussten wir entdecken, dass sowohl die Nudelpackung, als auch die Reistüte und die Äpfel, die hier lagerten, angeknabbert waren. Die Ursache fand sich in Omas Kommode, in der Schublade zwischen all den schönen, bestickten Tischdecken: ein Nest, offensichtlich von einer Mäuse-Aufzucht. Die Tüten und kaputten Tischdecken wanderten in den Müll. Um die Mäuse würde Carla sich kümmern. Dachten wir. Aber immer wieder waren Vorräte angeknabbert und fanden wir Mäuse-Köttel und auch kleine Nester aus Heu und Flusen. Carla fing weiterhin im Garten Mäuse, aber nicht die in ihrem Keller.
Diese Katz-und-Maus-Symbiose hielt mehr als ein Jahr. Dann kam der Tag, an dem Carla auf ihrer alten Tasche friedlich eingeschlafen und gestorben war. Als wir sie hinaustrugen, fanden wir an ihrem Platz, auf der Tasche, in der Kuhle nochmal ein solches Mäuse-Nest.
Seitdem Carla weg ist, haben wir in unserem Keller keine Maus mehr entdeckt.

Barbara Schüßler arbeitet u.a. als Theaterautorin für das Theater unter der Dauseck (TudD), mit dem das Chawwerusch eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. Immer wieder zeigte das TudD seine Stücke in unserem Theatersaal. Die aktuelle Produktion „Deckel drauf! Eine schwarze Familien-Komödie mit Biss“, von Barbara verfasst und vom Chawwerusch-Regisseur Walter Menzlaw inszeniert, sollte eigentlich im März diesen Jahres bei uns gastieren. Die Vorstellung musste aufgrund des Corona-Shut-Downs entfallen, soll aber im Dezember diesen Jahres nachgeholt werden.
Barbara über Ihre Beziehung zu unserem Theater: Das Chawwerusch-Theater kenne ich seit 10, vielleicht auch schon 15 Jahren, von denen jedes einzelne voller schöner, inspirierender Begegnungen ist.

 

Happy-End-Geschichte 17: Ladengedichte
von Miriam Grimm und Stephan Wriecz

Die Ladengeschichten sind entstanden auf unserer diesjährigen Kunstklausur. Diese fand erstmals per Video-Chat statt. In dem ganzen Corona-Fiasko wurde unsere Kunstklausur Ende April zu einer kleinen Normalitätsinsel. Und Normalität fühlt sich heute fast an wie Happy End. Die vorgelesenen Texte stammen von unseren Ensemble-Mitgliedern Miriam Grimm und Stephan Wriecz.

 

Happy-End-Geschichte 16: Ladengedichte
von Thomas Kölsch, Felix S. Felix und Ben Hergl

Die Ladengedichte sind entstanden auf unserer diesjährigen Kunstklausur. Diese fand erstmals per Video-Chat statt. In dem ganzen Corona-Fiasko wurde unsere Kunstklausur Ende April zu einer kleinen Normalitätsinsel. Und Normalität fühlt sich heute fast an wie Happy End. Die vorgelesenen Texte stammen von unseren Ensemble-Mitgliedern Thomas Kölsch, Felix S. Felix und Ben Hergl.

 

Happy-End-Geschichte 15: Frau Burckhardt erklärt die Welt
von Gaby Burckhardt

Gaby Burckhardt war viele Jahre Chawwerusch Kollektivmitglied.
Sie war bei Chawwerusch als Dramaturgin und Autorin tätig, gemeinsam mit Monika Kleebauer leitete sie die Geschäfte, war PR-Verantwortliche und Ansprechpartnerin im Chawwerusch-Büro.
Bei den ersten großen Projekten „Starker Duwak“ (1991) und „Nuff un nunner“ (1998) arbeitet sie in der Projektleitung mit.
Gaby beschreibt Ihre Beziehung zu Chawwerusch wie folgt: „Alte Liebe rostet nicht.“

 

Happy-End-Geschichte 14: Bücherwurm und Bücherwurm
von Barbara Schüßler

Der Bücherwurm kniff die Augen zusammen, das plötzlich herein brechende gleißende Licht ignorierend. Doch gleichzeitig drangen Töne in sein Bewusstsein, die Buchstaben verschwammen: … das Bimmeln der Krankenwagen … nachts, ganz in ihrer Nähe … die Reihe an ihnen … Nicht an mir! Nein! Noch dieser Absatz … diese Seite … Wie von ferne eine wenig bekannte Stimme: »Lektüre für diese Tage! Nicht zu bekommen!« Klänge, die den düsteren, leidenschaftslosen Ruf der Pest ertönen ließen. »Wie bitte? Ach so, ja. Camus.« »Du bist doch schon fast durch.« »Ja. Nein. Nicht ganz.« »Ausnahmsweise? Man kommt doch gar nicht aus dem Haus.« »Irgendwie doch auch schön.« »Wenn man so ein Bücherwurm ist wie du!« »Sich zum x-ten mal so richtig rein fressen, ganz drin aufgehen.« Ganz wie ich, dachte der Bücherwurm. »Ach, bitte?!« Bitte nicht! Soll die Reihe nicht an mir sein! Oh nein: ohrenbetäubend der Ton der aufeinander schlagenden Buchdeckel. Soll nicht die Reihe … Heftig wirbelnd der Luftstoß vom Fenster. »Wie soll ich dir nur danken?« »Schon gut!« Wir werden ja sehen. Als ob es sich da um das klarste Ding der Welt handelte. … Ich habe Schwierigkeiten mit einer Blume … sagte der kleine Prinz. Mit Leichtigkeit nahm der Bücherwurm den nächsten Buchstaben, das Wort, die Seiten: Adieu sagte er zur Blume …

Barbara Schüßler arbeitet u.a. als Theaterautorin für das Theater unter der Dauseck (TudD), mit dem das Chawwerusch eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. Immer wieder zeigte das TudD seine Stücke in unserem Theatersaal. Die aktuelle Produktion „Deckel drauf! Eine schwarze Familien-Komödie mit Biss“, von Barbara verfasst und vom Chawwerusch-Regisseur Walter Menzlaw inszeniert, sollte eigentlich im März diesen Jahres bei uns gastieren. Die Vorstellung musste aufgrund des Corona-Shut-Downs entfallen, soll aber im Dezember diesen Jahres nachgeholt werden.
Barbara über Ihre Beziehung zu unserem Theater: Das Chawwerusch-Theater kenne ich seit 10, vielleicht auch schon 15 Jahren, von denen jedes einzelne voller schöner, inspirierender Begegnungen ist.

 

Happy-End-Geschichte 13
von Sanna Heidweiler

Morgens auf dem Weg zum Kindergarten noch schnell beim Bäcker vorbei, der in einem Seniorenwohnheim liegt.
Kurz vor dem Laden überholt uns ein junger Mann, schätzungsweise Anfang 20. Eine Bewohnerin, gestützt auf ihren Rollator, ruft ihm lauthals in schönstem Pfälzisch nach: „Ach, so schääne, hibsche, junge Männer guckt ma doch immer gern nooch!“. Auf mein lachendes „Da haben Sie aber wirklich Recht!“ meint sie nur ganz trocken: „Ah jo, alt wärrn se ganz vunn selbscht, gell?!“

Sanna Heidweiler verbindet mit dem Chawwerusch eine über 20jährige Zusammenarbeit und Freundschaft. Sie wirkte als Schauspielerin u.a. mit bei „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (1999), „Nichts ist so schön als WIE EIN VOGEL durch die Luft zu fliegen“ (2000) und bei verschiedenen Stationentheatern. Zuletzt war sie letzten Sommer in „Heimwärts in die Fremde“ zu sehen.

 

Happy-End-Geschichte 12: Karl-Heinz Rummenigge
von Thomas Kölsch

Lassen sie mich von meinem Bruder erzählen und warum er, als „Pälzer Bu“ und eingefleischter FCK Fan, jahrelang ein Karl-Heinz Rummenigge Plakat in seiner Wohnung hängen hatte. Mein Bruder ist Schauspieler, wie ich, und zum großen Teil mitverantwortlich dafür, dass ich diesen Beruf, diese Berufung, gewählt habe.
Mitte der 80iger Jahre war mein Bruder zum Trekking in Nepal. Eine ca. 15-köpfige Reisetruppe machte sich auf Eseln auf den Weg in den Himalaja. Eines Abends, nach einem anstrengenden Tagesmarsch, kamen sie in ein hochgelegenes Bergdorf.
Als der Treck den Dorfplatz erreicht hatte, waren schon sämtliche Bewohner versammelt. Einige hatten noch nie „Langnasen“, also Europäer, gesehen. Der Chef des Dorfes ging auf die Truppe zu und redete mit dem einheimischen Führer. Man kam ins Gespräch und die Teilnehmer wurden vorgestellt. Es kam an meinen Bruder. Er sagt, er kommt aus Deutschland, der Guide übersetzt und in der Landessprache wendet sich der Bürgermeister an seine Dorfbewohner und erklärt ihnen, wo mein Bruder herkommt.
Und da ertönt aus einer der letzten Reihen, im Halbdunkel, in ca. 4500 m Höhe mitten in Nepal der Ruf: „Karl-Heinz Rummenigge!“ Und das ganze Dorf, von Groß bis Klein antwortet mit einem überzeugten und einstimmigen „Yeah!“.
Und so kam es, dass mein Bruder und die anderen Westeuropäer, als Ehrengäste willkommen geheißen wurden und ihnen, und wohl auch Herrn Rummenigge, zu Ehren ein Fest ausgerichtet wurde.
Dass dabei unter anderem Hund serviert wurde, ist eine andere Geschichte.

Thomas Kölsch ist seit vielen Jahren Ensemble-Mitglied bei uns.

 

Happy-End-Geschichte 11: Happy End
von Esther Steinbrecher

Esther Steinbrecher kennt Chawwerusch als Zuschauerin seit den späten 80er Jahren, war ab Mitte der 90er einige Male als Regieassistentin dort tätig und kommt seit den frühen 2000ern immer mal wieder als Gastregisseurin zum Einsatz, zum letzten Mal 2015 bei „Braun werden“. Die für 2020 geplante volle Übernahme der Weltherrschaft musste sie nun coronabedingt vertagen, was sie natürlich sehr nachdenklich macht

 

Happy-End-Geschichte 10: Die Brille
von Betty Burk

Es war 1970/1971, ganz genau weiß ich das nicht mehr. Ich hatte jedenfalls noch keinen Führerschein. Seit zwei Jahren musste ich eine Brille tragen. Meine Sehschwäche wurde zu Beginn meiner Lehrzeit festgestellt – es war für mich sehr schlimm, eine Brille tragen zu müssen (damals waren Brillen noch nicht chic). Jetzt durfte ich mir meine zweite Brille aussuchen, die natürlich viel schöner sein sollte, als die erste dicke Hornbrille. Diese neue moderne Brille lag nun zur Abholung bei einem Karlsruher Optiker bereit und kostete sage und schreibe 320,— DM. Meine Mutter gab mir das Geld und erlaubte mir, hinterher noch in die Innenstadt zu fahren zum „Bummeln“. Das Wort Shopping kannte ich damals noch nicht. Ich nahm meine gleichaltrige Cousine mit und wir machten uns mit dem Zug auf den Weg. Brille in Karlsruhe-Mühlburg abholen, bezahlen und ab mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Wir bummelten durch das Kaufhaus Schneider in der Kaiserstraße und mussten auch irgendwann die dortige Kundentoilette aufsuchen. Hier muss ich erwähnen, dass meine neue Brille die Fähigkeit besaß, sich bei Tageslicht zu verdunkeln und als Sonnenbrille zu fungieren. Bei künstlichem Licht wurde sie zwar wieder hell, aber nicht ganz so schnell. Wir gingen also zur Toilette. Beim anschließenden Händewaschen legte ich meine Brille auf die Ablage unterm Spiegel, da es mir ein wenig zu dunkel war. Kurze Zeit später bemerkte ich mit Schrecken, dass ich meine Brille in der Toilette hatte liegen lassen. Ich stürmte zurück, natürlich war sie nicht mehr da. Das große Heulen begann. Wir ließen über die Information des Kaufhauses mehrfach durchsagen, dass es sich bei dieser Brille nicht um eine gewöhnliche Sonnenbrille handelt (was man aufgrund der Färbung hätte vielleicht annehmen können), sondern um eine teuere optische Brille, die unbedingt zurückgegeben werden sollte. Es war alles erfolglos. Schließlich gaben wir auf und fuhren ziemlich verzweifelt mit der Straßenbahn zurück an den Mühlburger Bahnhof (ca. 6 km von der Innenstadt entfernt). Am Bahnhof angekommen, hatten wir noch über eine halbe Stunde Zeit, bis der nächste Zug in die Pfalz ging. Ich schlug vor, zu trampen (was damals für uns üblich war) um nicht so viel Zeit zu vertrödeln. Meine Cousine lehnte dies jedoch ab mit der Bemerkung, dass heute schon zuviel passiert sei und schlug vor, in der Bahnhofsgaststätte noch eine Cola zu trinken, bis unser Zug kam. Gesagt – getan. Plötzlich wurde meine Cousine auf eine Frau am Nachbartisch aufmerksam. Sie meinte: „Diese Bluse hab ich heute schon einmal gesehen! Ich glaube, diese Frau war vorhin zusammen mit uns im Kaufhaus Schneider auf der Toilette.“ Ohne lange zu zögern ging ich schnurstraks auf die Frau zu und fragte, ob sie vorhin im Schneider auf der Toilette war und ob sie da vielleicht eine „vermeintliche“ Sonnenbrille gefunden hätte. Völlig überrumpelt und verdutzt bejahte die Frau meine Frage. Daraufhin forderte ich sie auf, mir meine Brille unverzüglich wieder auszuhändigen, da ich diese dringend benötige und sie ja schließlich ganz neu wäre und ich heute dafür 320,— DM bezahlt hatte. Die Frau griff in ihre Handtasche und übergab mir total verlegen meine Brille zurück. Sie sagte, dass sie die Brille für eine Sonnenbrille hielt, worauf ich ihr antwortete, dass sie sie auch dann nicht einfach hätte einstecken dürfen. Ich kann nicht beschreiben, wie erleichtert ich war, auf solch ungewöhnliche Weise meine teuere Brille wieder bekommen zu haben. Meine Cousine sagte hinterher: „Dann war es doch nicht umsonst, dass vorhin in der Straßenbahn einige Vaterunser gebetet habe.“
Noch heute bin ich erstaunt über meinen damaligen Mut, diese fremde Frau einfach angesprochen zu haben.

Betty Burk hat schon unzählige Produktionen von Chawwerusch gesehen und ist Gründungsmitglied des Theaters Kauderwelsch Neupotz, das in Zusammenarbeit mit Chawwerusch im Jahr 2010 ein Stationentheater produzierte.

 

Happy-End-Geschichte 9: Die Rechnung des Schuhmachers
von Walter Menzlaw

nach einer wahren Geschichte aus Herxheim

 

Walter Menzlaw ist seit der Gründung unseres Theaters 1984 bei Chawwerusch dabei. Er arbeitet als Autor, Regisseur und Theaterpädagoge. 

 

Happy-End-Geschichte 8: Ich war da!
von Isabell Jung

 

Isabell Jung arbeitet u.a. als Poesiepädagogin und Autorin. Sie leitet die Schreibwerkstatt „Atelier der Worte“ und schenkt Raum zur sprachlichen Entfaltung auf Papier und Bühne. Beim Theaterbummel unseres Theaters gestaltete sie die Mitmachaktion „PoeTisch“, für „Die Show“ der Expedition Chawwerusch 2017 und 2018 erarbeitete sie mit Jugendlichen thematische Gastbeiträge.

 

Happy-End-Geschichte 7: Nie mehr da hinunter
von Barbara Schüßler

Da hinunter führen 5 Treppenstufen, die das Bürgerbüro vom Büro für Ausländerangelegenheiten trennen.
5 Jahre und 5 Tausend Kilometer trennen Ali von seinem Geburtsland, von der Bedrohung durch Terroristen, die Entscheidung der Mutter, den noch nicht 5-zehn-jährigen auf seinen gefährlichen Weg zu schicken. Bis hierher. Hier hat er 5 Stunden lang Auskunft gegeben darüber, warum er diesen Weg gegangen ist. Er ist angekommen, hat die Sprache und eine andere Kultur gelernt. Es wird ihm gesagt, dass er das Recht hat auf Schutz und Bleiben. Bescheinigt auf einem Schriftstück. Mit Stempel.
Doch gebrochen wird das Siegel und das Papier ungeduldig. Eine Bleibe kann nur bekommen, wer jede noch so kleine Regel einhält. Aber hier bleiben musst du! Residenzpflicht und Reiseverbot. Obwohl doch Deutschland ein freies Land ist? Für alle Bürger Deutschlands. Ihnen wird geholfen. Während der Sprechzeiten im Bürgerbüro. Vertraulich. Anonym. Ausländer werden aufgerufen, mit ihrem Namen. Nur mit Termin. Pünktlich auf die Minute! Da unten.
Im Bürgerbüro, mit dem Dokument eines deutschen Gerichts, dass Ali einen deutschen Namen bekommt, per gegenseitiger Adoption als Kind deutscher Eltern, da ist die drängende Frage: Nie mehr da hinunter? – Nie mehr da hinunter!

Barbara Schüßler arbeitet u.a. als Theaterautorin für das Theater unter der Dauseck (TudD), mit dem das Chawwerusch eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. Immer wieder zeigte das TudD seine Stücke in unserem Theatersaal. Die aktuelle Produktion „Deckel drauf! Eine schwarze Familien-Komödie mit Biss“, von Barbara verfasst und vom Chawwerusch-Regisseur Walter Menzlaw inszeniert, sollte eigentlich im März diesen Jahres bei uns gastieren. Die Vorstellung musste aufgrund des Corona-Shut-Downs entfallen, soll aber im Dezember diesen Jahres nachgeholt werden.
Barbara über Ihre Beziehung zu unserem Theater: Das Chawwerusch-Theater kenne ich seit 10, vielleicht auch schon 15 Jahren, von denen jedes einzelne voller schöner, inspirierender Begegnungen ist.

 

Happy-End-Geschichte 6: Die Prophezeiung
von Felix S. Felix


Felix S. Felix
 ist seit der Gründung unseres Theaters 1984 Ensemble-Mitglied bei uns.

 

Happy-End-Geschichte 5
von Sanna Heidweiler

Samstagnachmittag. Ich (eine übermüdete Mutter) quäle mich mit dem Großen (im Kinderwagen), der Kleinen (in der Trage) und einem schweren Einkaufskorb durch den überfüllten Supermarkt. In der Gemüseabteilung schenkt mir ein Herr ein aufmunterndes Lächeln. Als wir uns auf dem Parkplatz wieder begegnen, sagt er ganz unvermittelt: „Meine Frau und ich haben vier Kinder großgezogen, das letzte ist seit zwei Monaten aus dem Haus. Und ich sage Ihnen, Sie schaffen das!“

Sanna Heidweiler verbindet mit dem Chawwerusch eine über 20jährige Zusammenarbeit und Freundschaft. Sie wirkte als Schauspielerin u.a. mit bei „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (1999), „Nichts ist so schön als WIE EIN VOGEL durch die Luft zu fliegen“ (2000) und bei verschiedenen Stationentheatern. Zuletzt war sie letzten Sommer in „Heimwärts in die Fremde“ zu sehen.

 

Happy-End-Geschichte 4: Quadratum magicum
von Silke Bender

Mannheim leuchtete. Na und wenn schon. Heiße Fassaden, kalkweiß-blendender Putz zwischen abgesifftem, halb besprühtem Muschelkalk um Mehrfamiliensilos – der Gang über Markt- und Paradeplatz war für Giro auch heute keine Freude. 24 Grad schon um sieben Uhr morgens und der Asphalt roch eindeutig nach zwei Wochen ohne Regen – na da freue sich wer kann über diesen ersten Junitag!
Später auf dem Rückweg war es dann schon dunkler, über der barrocken Fassade von St. Sebastian brauten sich Wolken zusammen, aber das musste nichts heißen. Die Dunstglocke überm Kessel ist das erste Erkennungszeichen von Mannheim, wenn man aus dem Westen kommt und kann oft tagelang dunkel-düster aber knochentrocken bleiben. Schon beinahe am Hauseingang zur Wohnung angekommen, fiel Giros Blick auf den neuen Laden an der Ecke. Da ließ er spontan sein inneres Orchester einen kleinen Salut spielen: „Ta-ta-ta-ta! Dönerladen Nr. 783 – auch er wird keine Marktlücke schließen!“ Aber ein bisschen Baklava und eine Tasse Tee wären ja ganz nett.
Drinnen dann erst mal keiner, „Hallo!?“
Aus der Tür hinter der Theke kam eine Frau in Jeans und Orientbluse. Haare bis zum Hintern, dunkle üppige Locken, ein Lächeln wie Scheherazade: „Hi, sorry, wir räumen grade noch ein, was magst du? Das Baklava hier ist nach einem Spezialrezept meiner Großmutter gebacken.“
Giro, mit Dauergrinsen zurück auf der Straße, hielt die klebrigen Süßteile fest und merkte nicht mal, dass sein Shirt Flecken bekam. Die Dinger schmeckten auch noch, als die ersten Tropfen fielen. Sommerregen in den Quadraten riecht nach Kokos, Kardamom und ein wenig nach Klee.

Silke Bender hat das Chawwerusch Theater zum ersten Mal als Studentin gesehen, als es „Trotz alledem“ auf Sommertournee 1997 spielte. Sie war hellauf begeistert und ist es immer noch. Seit 2015 arbeitet sie selbst als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der freien Bühne in Herxheim.

 

Happy-End-Geschichte 3: Die Geschichte vom Reisen
von Judith Achner

Stets wollte sie reisen
Und wollte nie bleiben.
Stets wollte sie scheiden
Von hier und dem Jetzt.
Und immer nur Ziehen und immer nur Schweifen
Bloß niemals Stillstand, kein inneres Reifen.

Wenn sie das dröhnende Rauschen der startenden Maschinen vernahm, wurde es ruhig in ihr. Auf dem Weg zwischen zwei Welten – zwei Leben – verspürte sie innere Ruhe.
Transitorischer Raum. Kein Gestern. Kein Morgen. Nur weg! Das Vorbeifliegen von Städten, Orten, Menschen, Geschichten, Schicksalen, die man nie erkunden, nie kennen, nie lernen, nie mitfühlen würde. All das war beruhigend. Es gab so viel da draußen. So unendlich viel. Da würde für sie doch auch etwas dabei sein. Irgendwo. Man müsste nur lang genug suchen.
Und mit einem Mal wurde ihrem ganzen bisherigen Sein Einhalt geboten  – ihr transitorisches Ich zum Stillstand gezwungen. Kein Gestern. Kein Morgen. Nur Jetzt!
Als die erste Welle der Angst hinter ihr lag, öffnete sie die Augen und sah klar. Als würde sich der Dunst und Nebel erheben. Sie sah die Stadt, den Ort, die Menschen, ihre Geschichten und Schicksale und sie fühlte so viel. Und etwas löste sich in ihr und sie blickte in sich hinein und sprach:

Jetzt muss ich nicht reisen
Und darf einfach bleiben
Jetzt werd ich nicht scheiden
Von hier und dem Jetzt.
Jetzt muss ich nicht ziehen und auch nicht mehr schweifen
Jetzt werd ich hier stehn und innerlich reifen.

Judith Achner kennt Chawwerusch durch ihre langjährige Weggefährtin und liebste Bühnenpartnerin Miriam Grimm. 2017 und ´18 stand Judith als Mia in „demut vor deinen taten baby“ im Chawwerusch Theater auf der Bühne. Außerdem war sie im November letzten Jahres zu Gast bei „Frau Miriam lädt ein“.

 

Happy-End-Geschichte 2: Vroni, denk an dein Pony! 
von Monika Kleebauer

Es war ihr größter Herzenswunsch, seit sie am ersten Weihnachtsfeiertag die „Mädels vom Immenhof“ im Fernsehen gesehen hatte. So eine tiefe Sehnsucht hatte sie überrollt, dass sie weinend in ihr Zimmer rannte und die Tränen bis zum Abend nicht aufhören wollten. Keines ihrer Geschwister konnte sie trösten. Wie denn auch? Konnten Sie doch nicht nachvollziehen, was es für Vroni bedeutete, sich auf den Rücken eines Ponys zu träumen. Ein schwarz-weiß Geschecktes, das sie im fliegenden Galopp über üppige Weiden trug.
Kein Tag verging, an dem Vroni nicht über „ihr“ Pony sprach. Heimlich entwendete sie aus der Büroschublade ihres Vater die gute Papierschere, schnitt am Straßenrand alles frische Gras ab und legte die Halme sorgfältig hinter der Hütte im Garten in die Sonne, damit „Dina“ – so sollte ihr Pony heißen – genügend zu schmausen hatte.
Allen erzählte Vroni von ihrem Wunsch, sogar dem Zahnarzt Rückinger, als sie bei ihm auf dem Behandlungsstuhl saß. Als ein Zahn gezogen werden musste und Vroni bockte, gelang es ihm, sie zu beruhigen: „Vroni, denk an Dein Pony!“.
Vroni war sich ganz sicher: An ihrem neunten Geburtstag würde ihr Wunsch in Erfüllung gehen! Schon die Tage davor hatten ihre Geschwister immer miteinander getuschelt und sofort aufgehört zu sprechen, wenn sie in die Nähe kam.
Und dann war er da, der 28. Juni. Schon bei Sonnenaufgang sprang Vroni mit einem Satz aus dem Bett und schaute aus dem Fenster. Aber: kein Pony stand unten im Garten. Beim Geburtstagsfrühstück gab es Himbeerrolle wie jedes Jahr und jede Menge Pferdebücher. Der Tag verging mit Glückwünschen von Opa, Oma, Tanten und Onkeln. Aber kein Pony. Vroni wagte nicht zu fragen, denn ein bisschen Hoffnung hegte sie, dass ihr Traum doch noch in Erfüllung gehen könnte. Es war schon spät, als sie anfing, sich langsam auszuziehen. Sie angelte nach ihrem Pyjama, der war mit bunten kleinen Pferden bedruckt. Da hörte sie einen kleinen Stein an ihr Fenster schlagen.
Unten im Hof saß ihr Bruder Axel auf einem Riesengaul und winkte hoch: „Alles Gute zum Geburtstag! Darf ich vorstellen, das ist Dora. Vom Bauer Neidlinger. Die darfst Du jetzt jeden Tag in den Stall reiten, wenn Du magst. Ist das nicht dufte?“ Vroni nickte mit Herzklopfen.

Monika Kleebauer ist seit der Gründung unseres Theaters 1984 Ensemble-Mitglied bei uns.

 

Happy-End-Geschichte 1: Und wenn sie nicht gestorben sind
von Jean-Michel Räber


Jean-Michel Räber schrieb für Chawwerusch auf Grundlage von Improvisationen mit dem Ensemble das Stück „Liberté, wir kommen! Wie die Französische Revolution und die Pfalz kam“, das ursprünglich Anfang Juni diesen Jahres Premiere haben sollte. Die Premiere ist wegen der Corona-Pandemie auf Sommer 2021 verschoben. 

(Die Beiträge aus der vorherigen Reihe „Drinbleiben.Dranbleiben.“ finden Sie auf unserem YouTube-Kanal.)